
Warum geisteswissenschaftliches Denken heute gebraucht, aber wenig nachgefragt wird
Der Bedarf an historisch-politischer Orientierung ist hoch: der russische Krieg gegen die Ukraine, Debatten um Kolonialverantwortung, neue Migrationsnarrative, der Umgang mit Symbolen im öffentlichen Raum – all das ruft nach historischer Kontextualisierung, nach narrativer Kritik und ethischer Reflexion. Das machen wir ja auch durchaus, doch bleiben wir dabei unter uns. Nicht wenige würden sich mit ihrer Expertise wirksam einbringen. Doch wir bleiben häufig außen vor. Es gibt keinen Boom an Stellen, keine systematische Einbindung in gesellschaftliche Deutungsprozesse. Warum nicht? Weil immer noch sehr enge Bilder unserer beruflichen Praktiken dominieren, und weil wir auch unsere eigenen Kompetenzräume zu stark verengen – oder es sogar absichtlich schwer machen, mit uns zusammenzuarbeiten.
Transfer neu denken; jenseits von Unmittelbarkeit
Was in unseren Fächern unter „Transfer“ verstanden wird, ist häufig monodirektional und unmittelbar gedacht: „Ich habe Geschichte studiert, also mache ich jetzt historische Unternehmenskommunikation.“ Gemeint ist meist die direkte Anwendung eines Studienfachs auf ein angrenzendes Praxisfeld – möglichst konkret, möglichst effizient, möglichst ohne inhaltlichen Verlust. Dieser Transferbegriff ist verwertungsorientiert und bleibt kontextblind.
Im angloamerikanischen Raum ist „Transfer“ weiter gefasst: Hier meint der Begriff „transferable skills“ die Fähigkeit, Kompetenzen in neue Kontexte zu übersetzen. Es geht nicht nur darum, historische Erkenntnisse anzuwenden, sondern darum, mit geisteswissenschaftlichem Denken neue Fragen zu stellen, Probleme anders zu rahmen, Diskurse zu verschieben.
Geisteswissenschaften als Denkform – in jedem Kontext
Wir finden ja selbst, dass unser Studium keine Berufsqualifikation im engeren Sinne sei. Es sind Haltungen, Denkweisen, durchaus auch Methoden. Wir können z.B.
- komplexe Entwicklungen über Zeiträume hinweg analysieren,
- unterschiedliche Perspektiven und Narrative erkennen und bewerten,
- Quellen und Daten kritisch auf ihren Kontext und ihre Konstruktion hin befragen,
- Machtverhältnisse und Diskurse historisch und kulturell einordnen,
- gesellschaftliche Selbstbeschreibungen deuten und irritieren.
Wir denken dieses Set jedoch – für einen wirkungsvollen, öffnenden Transfer – zu sehr auf fach- und themennahe Arbeitsfelder. Dabei ist unser Denkstil nicht auf bestimmte Arbeitsfelder beschränkt. Er entfaltet sich in der Pflege ebenso wie in der Logistik, in der Finanzwelt ebenso wie in IT-Projekten. Nein, dafür haben wir nicht studiert und nein, bei dieser Übertragungsleistung hilft uns kein Modul – aber genau das ist die Übung, wenn es um die Erschließung neuer Tätigkeitsfelder geht, in die wir nicht aktiv eingeladen werden und für die wir auch nicht immer schon die üblichen Kandidat:inenn waren. Für den Transer übertragen wir unsere in Kontexte, die nicht auf uns gewartet haben – und erweitern sie dadurch.
Was sich ändern muss – bei Geisteswissenschaftler:innen und im System
- Kompetenzbewusstsein und Sichtbarkeit stärken: Geisteswissenschaftler:innen sollten lernen, ihre Fähigkeiten nicht nur zu benennen („analytisch“, „reflexiv“), sondern performativ zu zeigen: durch Formate, Projekte, neue Kontexte. Dabei geht es nicht nur um Selbstvergewisserung, sondern auch um strategische Sichtbarkeit.
Wie? Zum Beispiel, indem sie eigene Projekte initiieren, durchführen und dokumentieren, auf Veranstaltungen als Impulsgeber:innen auftreten, digitale Portfolios oder Blogs anlegen, Interviews geben oder Fachwissen in transdisziplinären Kontexten positionieren. Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen. - Transfer konsequent denken, statt auf Wertschätzung zu warten: An vielen Hochschulen wird Transfer weder gelehrt noch strukturell gefördert – dafür wird häufig beklagt, dass geisteswissenschaftliche Kompetenzen zu wenig Anerkennung erfahren. Doch statt auf Anerkennung von außen zu hoffen, braucht es eine klare Vorstellung davon, was Transfer leisten kann. Und die Bereitschaft, ihn aktiv zu gestalten.
Wie? Teils gibt es sie schon – meist auf Einzelinitiativen hin -, und sie wären systematisch zu implementieren: konkrete Formate, in denen geisteswissenschaftliche Kompetenzen praktisch erprobt und sichtbar gemacht werden können. Dies können Kooperationen mit externen Partner:innen sein, transdisziplinäre Labs, praxisnahe Abschlussprojekte oder Reallabore, in denen Geisteswissenschaftler:innen auf reale Herausforderungen reagieren – nicht im Nachbau der Praxis, sondern als Teil ihrer Gestaltung. - Arbeitgeber:innen sensibilisieren – aber wer tut es? Der Bedarf an geisteswissenschaftlichem Denken ist vorhanden, doch oft unsichtbar. Politik, Wirtschaft, Medien, NGOs – sie alle könnten davon profitieren, wissen es aber selten. Wer soll diese Brücke bauen? Hochschulen, Berufsverbände, Alumni oder wir selbst? Es braucht mehr als gute Argumente – wir brauchen Zuständigkeiten, Strukturen und Dialog.
Wie? Durch Dialogformate wie Roundtables, Cross-Mentoring mit Geisteswissenschaftler:innen, Fallstudien gemeinsam mit Organisationen oder öffentliche Experimentierräume, in denen wir mit Stakeholdern konkrete Problemlösungen erarbeiten.– sie alle können geisteswissenschaftliches Denken gewinnbringend einsetzen, wissen es aber oft nicht. Es geht nicht darum, unmittelbare Verwertungsrollen auszuschreiben. Sondern um die Co-Creation von professionellen Rollen. - Den Transferbegriff selbst zum Thema machen: Wenn wir nur aufzählen, was sie können, aber keine Idee haben, was wir damit bewirken und auch nicht hinterfragen, wie Gesellschaft Kompetenz erkennt, bleibt Transfer einseitig und oft ohne Resonanz. Auch Transfer selbst ist ein Diskurs und fragt nach unseren Positionierungen.
Wie? Indem wir in Forschung und Lehre systematisch untersuchen, wie Transferdiskurse funktionieren, welche historischen Narrative darin wirksam sind und wie sie sich kritisch rekonstruieren lassen – z. B. im Rahmen von Studienprojekten oder Lehrforschungen.
Fazit
Transfer ist keine Notlösung, falls Plan A nicht aufging. Und geisteswissenschaftliches Denken ist nicht zuerst dazu da, verwertet zu werden, sondern Gesellschaften klüger, kritischer, offener, vielleicht auch ästhetisch anspruchsvoller zu machen. Wer diesen Anspruch ernst nimmt, wird neue Wege finden. Sie stehen nicht schon für uns gemacht in den Stellenausschreibungen. Wir müssen unsere eigenen professionellen Narrative schaffen.
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- How to Identify Transferable Skills: A Humanist Approach | CUNY Graduate Center
- Transferring Unique Humanities-Related Skills to Unrelated Jobs | gradsingapore
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