Historiker:innen im Verlagswesen: Von der Stellensuche zur Kompetenzverortung

Aus dem Workshop gefragt: „Wie komme ich als Historiker:in ins Verlagswesen?“

Dieser Beitrag versucht keine motivierende Aufzählung von Möglichkeiten. Er bietet eine Orientierung, jedoch auch mit dem Ziel, die Perspektive zu verschieben: weg von der Frage „Wie ist der Königsweg?“ hin zu „Wo werden meine Kompetenzen gebraucht, und wie organisiere ich mich dafür?“.

Klassische Verlage: Nähe zum Fach – begrenzte Stellen

Beginnen wir mit der nüchternen Einordnung: Stellen als Lektorin oder Programmmanagerin mit historischem Fokus in klassischen Verlagen gibt es, aber sie sind selten.

Konkrete jährliche Zahlen existieren nicht, da der Verlagsmarkt fragmentiert ist und viele Tätigkeiten – insbesondere freiberufliche – nicht öffentlich ausgeschrieben werden. Auf Basis von Jobbörsen, Branchendaten und Beobachtungen aus dem Feld lässt sich jedoch grob sagen: Bundesweit sehen wir pro Jahr etwa 20–50 einschlägige Stellenangebote, verteilt auf historisches Sachbuch, wissenschaftliche Fachverlage und Belletristik mit historischen Sujets. Darunter fallen neben dem Lektorat bzw. Programmmanagement auch projektbezogene Arbeit oder temporäre Anstellungen wie Volontariate. Schätzungsweise 70-80 Prozent der Verlagsarbeit mit historischem Themenbezug erfolgt freiberuflich.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die klassischen Segmente genauer betrachten:

Historisches Sachbuch

Verlage wie C.H. Beck, Wallstein oder Theiss (heute Teil der WBG – Wissenschaftliche Buchgesellschaft) publizieren historisch fundierte Sachbücher für ein breiteres, bildungsnahes Publikum. Auch Häuser wie Klett-Cotta, Propyläen (Ullstein) oder Siedler (Penguin Random House) gehören in dieses Segment. International wären etwa Penguin History, Yale University Press oder Oxford University Press zu nennen.

Wer hier im Lektorat oder Programmmanagement arbeitet, braucht historische Urteilskraft, Themenkenntnis und die Fähigkeit, Forschungsstände für unterschiedliche Zielgruppen zu bewerten. Es geht um Themenentwicklung, Autor:innenauswahl, Strukturierung komplexer Inhalte und langfristige Programmplanung – es ist kuratorische und strategische Arbeit.

Fachverlage für Geschichtswissenschaften

In wissenschaftlichen Fachverlagen wie Vandenhoeck & Ruprecht, De Gruyter, transcript, Brill, Cambridge University Press, Routledge oder Palgrave Macmillan ist historische Fachlichkeit zentrale Voraussetzung. Ergänzend lassen sich im deutschsprachigen Raum Springer VS, Nomos oder Waxmann nennen.

Hier gehören das Einholen und Auswerten von Gutachten, die Betreuung von Reihen, die Sicherung fachlicher Standards sowie zunehmend Fragen von Open Access, Forschungsinfrastruktur und Wissenschaftsmanagement zum Alltag. Die Grenzen zwischen Verlag, Forschungsservice und akademischer Organisation sind fließend. Historiker:innen arbeiten hier häufig in Schnittstellenrollen mit Anteilen aus Lektorat, Programmmanagement, Reihenredaktion und Communitymanagement.

Historische Belletristik

Im Bereich der historischen Belletristik – etwa bei Rowohlt, Droemer, Piper, Goldmann oder dtv – ist die Rolle historisch ausgebildeter Personen anders gelagert. Historische Romane zu lektorieren bedeutet nicht, selbst wissenschaftlich zu arbeiten, wohl aber Plausibilität zu prüfen, Recherchefehler zu erkennen und Autor:innen bei der Balance zwischen Unterhaltung und historischer Stimmigkeit zu beraten.

Diese Arbeit erfolgt häufig projektbezogen oder freiberuflich, etwa als externe Gutachter:innen oder beratende Lektor:innen, weniger in festen Redaktionsteams. Es handelt sich um klassische Transferkompetenz: Historisches Wissen wird nicht reproduziert, sondern in erzählerische Formate übersetzt.

Zwischenfazit

Die klassischen Verlage sind nach wie vor ein relevantes Feld für Historiker:innen – aber kein breiter Arbeitsmarkt. Wer hier Fuß fassen will, braucht neben fachlicher Kompetenz ein realistisches Bild der Strukturen: wenige feste Stellen, viele informelle Zugänge, hoher Wettbewerb, Kostendruck und ein wachsender Anteil freier Arbeit.

Darum lohnt der Blick auf angrenzende Felder und zeitgemäße Organisationsformen, in denen historische Kompetenzen heute oft flexibler und nachhaltiger eingesetzt werden können.

Tätigkeiten statt Häuser denken

Hier liegt der entscheidende Perspektivwechsel: Nicht „Wie werde ich Lektor:in?“, sondern „Welche Tätigkeiten liegen mir – und wo kommen sie vor?“

Was Historiker:innen aus ihrer Ausbildung mitbringen, ist eine spezifische Art zu arbeiten. Diese Kompetenzen sind quer durch die Verlags- und Medienlandschaft relevant – in klassischen Verlagen ebenso wie in angrenzenden Bereichen:

  • Strukturieren komplexer Inhalte: Historiker:innen sind darin geschult, unübersichtliches Material zu sichten, zu ordnen und in nachvollziehbare Argumentationen zu überführen. Das ist nicht nur beim Lektorat wissenschaftlicher Texte relevant, sondern überall dort, wo Inhalte vermittelt werden müssen.
  • Arbeit an langen Projekten: Eine Dissertation dauert Jahre. Ein Buchprojekt auch. Wer gelernt hat, über lange Zeiträume hinweg fokussiert zu arbeiten, Rückschläge einzukalkulieren und dabei die Gesamtstruktur im Blick zu behalten, bringt eine Kompetenz mit, die in der Verlagsarbeit zentral ist.
  • Umgang mit Autor:innen: Historiker:innen kennen die Perspektive von Schreibenden – sie wissen, wie schwer es ist, ein Manuskript abzugeben, wie wichtig klare Rückmeldungen sind, wie destruktiv vage Kritik wirken kann. Das ist eine Transferkompetenz, die oft unterschätzt wird.
  • Übersetzen zwischen Fachlichkeit und Öffentlichkeit: Wissenschaftliche Texte für ein breiteres Publikum aufbereiten, Komplexität reduzieren ohne zu vereinfachen, Themen kontextualisieren – das sind Kernkompetenzen historischer Arbeit, die weit über den klassischen Verlag hinaus relevant sind.
  • Qualitätssicherung: Historiker:innen sind darin geschult, Quellen zu prüfen, Argumente auf Konsistenz hin zu lesen, Fehler zu erkennen. Diese analytische Schärfe ist in jedem Bereich gefragt, in dem Inhalte produziert und veröffentlicht werden.

Wo diese Tätigkeiten konkret vorkommen

Diese Kompetenzen werden in verschiedenen Funktionen gebraucht – und diese Funktionen existieren nicht nur im klassischen Verlagshaus:

  • Lektorat: Texte strukturieren, argumentative Schwächen erkennen, Quellen prüfen, Manuskripte auf inhaltliche Stimmigkeit hin durcharbeiten und das Potenzial von Texten zu wecken – das sind genuine historische Arbeitsweisen. Lektorat gibt es in Buchverlagen, aber auch in Medienhäusern, Content-Agenturen und bei E-Learning-Anbietern. Tatsächlich ist diese Tätigkeit traditionell freiberuflich, und wir sehen entsprechend wenige Ausschreibungen.
  • Programmmanagement: Programme entwickeln heißt: Themenfelder erschließen, Marktlücken identifizieren, Autor:innen ansprechen, langfristig planen. Historiker:innen denken in Kontexten und Zusammenhängen – eine Grundvoraussetzung dafür. Diese Arbeit findet sich in Verlagen, aber auch in Bildungsinstitutionen, Stiftungen und Kultureinrichtungen.
  • Projektmanagement: Buchprojekte organisieren, Zeitpläne entwickeln, zwischen verschiedenen Akteur:innen vermitteln, Prozesse steuern – Tätigkeiten, die Historiker:innen aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit kennen, nur unter anderem Label. Projektmanagement ist eine Querschnittskompetenz, die überall dort gebraucht wird, wo komplexe Vorhaben gesteuert werden müssen. In Verlagen ist das Projektmanagement für viele Geisteswissenschaftler:innen attraktiv, weil sie Affinität zu den Inhalten und Medien haben.
  • Redaktion und Herstellung: Je nach Struktur überschneiden sich hier inhaltliche und technische Arbeit. Wer weiß, wie man ein Manuskript durcharbeitet, Register erstellt oder Bildrechte klärt, ist hier einsatzfähig – in Verlagen ebenso wie in Museen, Archiven oder digitalen Medienformaten.

Strukturierte Felder jenseits des klassischen Verlags

Die folgenden Felder sind real existierende und aktive Arbeitsmärkte für historisch ausgebildete Personen. Zugleich gilt für alle: Explizite Stellenanzeigen „für Historiker:innen“ sind selten. Viele Positionen werden über Netzwerke, projektbezogene Ausschreibungen oder implizite Anforderungen besetzt – unter Bezeichnungen wie „Redaktion“, „Content“ oder „Konzeption“.

Bildungsverlage

Bildungsverlage wie Cornelsen, Klett, Westermann oder Schöningh (Teil der Westermann Gruppe) entwickeln Schul- und Hochschulmaterialien, zunehmend auch digitale und hybride Lernangebote. Beschäftigt werden hier Redakteur:innen für Konzeption, Autor:innenbetreuung, Lehrplanabgleich und Qualitätssicherung. Fachliche Kompetenz in Unterrichtsfächern wie Geschichte ist dabei essenziell, nicht austauschbar; mitunter wird auch ein Lehramt-Abschluss gewünscht.

International arbeiten Verlage wie Pearson oder Cambridge University Press ähnlich, insbesondere in der Curricularentwicklung und bei standardisierten Bildungsformaten. Ernst Klett Sprachen fokussiert primär Sprachdidaktik, ist aber thematisch anschlussfähig, was redaktionelle und digitale Produktionsprozesse betrifft.

Medienhäuser mit journalistischen und buchpublizistischen Anteilen

Medienhäuser wie Die Zeit, Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung oder Frankfurter Allgemeine Zeitung integrieren journalistische, buchverlegerische und digitale Projekte unter einem Dach. Historiker:innen arbeiten hier vor allem in Dossiers, Hintergrundformaten, Dokumentation, Faktenchecks oder Buchprojekten – häufig als Redakteur:innen mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund, nicht unter dem Label „Historiker:in“.

International zeigt sich eine ähnliche Situation bei The Guardian, The New York Times oder The Atlantic, insbesondere für Langformate, Kontextualisierung und historische Einordnung aktueller Themen. Das bedeutet: Auch andere geisteswissenschaftliche Schwerpunkte als Geschichte führen zu diesen Tätigkeiten.

E-Learning-Unternehmen

E-Learning-Plattformen wie Lecturio, Masterplan.com, Blinkist, Iversity oder internationale Anbieter wie Coursera, edX, FutureLearn und OpenClassrooms setzen gezielt auf Geisteswissenschaftler:innen in der Kurskonzeption, Narration und im didaktischen Design. Gerade geschichtsbezogene Inhalte erfordern historische Präzision, Quellenbewusstsein und strukturierte Vermittlung.

Diese Plattformen arbeiten mit festen und freien Content-Developer:innen, Redakteur:innen und Curriculum-Designer:innen. Spezifische „Historiker:innen-Stellen“ sind hier oft projektbasiert oder freiberuflich organisiert, der Bedarf an historischer Kompetenz ist jedoch konstant vorhanden – insbesondere bei der Übersetzung von Fachwissen in lernbare Formate. Hier verschiebt sich Verlagsarbeit vom Buch hin zum Lernformat – die Kernkompetenzen bleiben jedoch ähnlich.

Content-Agenturen

Content- und Kommunikationsagenturen wie Scholz & Friends, Territory, Looping Group oder komm.passion produzieren Inhalte für Unternehmen, Institutionen und öffentliche Auftraggeber. Historiker:innen bringen hier ihre Stärken in Recherche, Storytelling, Kontextualisierung und Langformanalyse ein – etwa bei Corporate History, Whitepapers, Dossiers oder strategischen Narrativen.

International bestätigen Agenturen wie Edelman oder Brunswick, dass historisch geschulte Profile im Bereich Reputation, Narrative und institutionelle Kommunikation gefragt sind – auch wenn sie nicht explizit so benannt und ausgeschrieben werden.

Kommunikationsabteilungen von Museen, Stiftungen und Bildungseinrichtungen

Institutionen wie das Deutsche Historische Museum, das Haus der Geschichte, die Bundeszentrale für politische Bildung oder große Stiftungen haben einen überschaubaren, aber kontinuierlichen Bedarf an historischer Expertise für Ausstellungen, Bildungsprogramme, Redaktion, digitale Formate und Öffentlichkeitsarbeit. Dies ist eines der Felder mit stabiler Nachfrage, sowohl in festen Stellen als auch projektbezogen. Aber auch hier gilt: Es geht um einzelne Stellen, nicht um einen Massenmarkt.

International gilt Ähnliches für das British Museum, das Imperial War Museum oder die Smithsonian Institution, wo Historiker:innen an der Schnittstelle von Forschung, Vermittlung und Öffentlichkeit arbeiten.

Zwischenbilanz

Diese strukturierten Felder zeigen: Historiker:innen arbeiten in Rollen, in denen historisches Denken funktional gebraucht wird. Der Zugang erfolgt weniger über klassische Ausschreibungen als über Profile, Netzwerke und die Fähigkeit, eigene Kompetenzen in bestehende Strukturen zu übersetzen.

Freiberuflichkeit als Normalfall (nicht als Notlösung)

Die Zwischenbilanz hat es bereits angedeutet: Der Zugang zu vielen dieser Felder erfolgt nicht über klassische Stellenausschreibungen, sondern über Profile, Netzwerke und projektbezogene Arbeit. Damit sind wir bei einem Punkt, der oft moralisch aufgeladen wird: Freiberuflichkeit.

In vielen Beratungsgesprächen höre ich den Unterton: „Wenn ich keine Festanstellung bekomme, muss ich mich halt selbstständig machen.“ Als wäre das eine Notlösung.

Tatsächlich aber war Freiberuflichkeit in weiten Teilen der Verlags- und Medienbranche noch nie der Ausnahmefall, sondern ist eine etablierte Organisationsform. Das gilt insbesondere für:

  • Lektorat: Viele Verlage arbeiten mit freien Lektor:innen, weil die Auftragslage projektbezogen ist und Flexibilität erfordert. Freie Lektor:innen haben oft mehrere Auftraggeber gleichzeitig und bauen sich dadurch ein stabiles Netzwerk auf.
  • Projektmanagement: Große Buchprojekte, Reihen oder Sonderpublikationen werden häufig projektbezogen vergeben. Wer hier freiberuflich arbeitet, kann gezielt Projekte auswählen und spezialisiert sich oft auf bestimmte Themenfelder.
  • Redaktion: Auch redaktionelle Arbeit ist längst nicht mehr nur festanstellungsbasiert. Freie Redakteur:innen arbeiten für Magazine, Online-Plattformen, Bildungsverlage oder Content-Agenturen – oft in Kombination.
  • Textentwicklung: Ghostwriting, Manuskriptberatung, Konzeptentwicklung – all das sind Tätigkeiten, die typischerweise freiberuflich organisiert sind und bei denen Historiker:innen aufgrund ihrer analytischen und strukturierenden Kompetenzen gut anschlussfähig sind.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht zwischen „angestellt“ und „selbstständig“, sondern zwischen stellenbezogenem und netzwerkbezogenem Arbeiten:

  • Festanstellung bedeutet: Ich bewerbe mich auf eine ausgeschriebene Stelle, werde eingestellt, arbeite in dieser Funktion.
  • Freiberuflichkeit bedeutet: Ich positioniere mich mit einem klaren Profil, baue Kontakte auf, akquiriere Aufträge, arbeite für verschiedene Auftraggeber.

Für Historiker:innen hat Freiberuflichkeit dabei einen konkreten Vorteil: Sie können sich fachlich klar positionieren. Wer als „freie Lektorin für historische Sachbücher“ auftritt, ist präziser erkennbar als jemand, der sich auf eine allgemeine Verlagsstelle bewirbt. Diese Positionierung ist netzwerkrelevant – und Netzwerke sind im freiberuflichen Kontext das funktionale Äquivalent zur Stellenausschreibung.

Das bedeutet nicht, dass Freiberuflichkeit einfach ist. Sie erfordert unternehmerisches Denken, Akquise, Selbstorganisation. Aber sie ist keine Abwertung, sondern eine Arbeitsform, die in der Branche etabliert und für viele gut funktionierend ist. Was wir auch auf Hochschulseite lernen müssen, ist, diese Organisationsform nicht systematisch als Notlösung abzuwerten, und stattdessen intergenerationelle Unterstützung, „Nachwuchsarbeit“ für einen professionellen Start in die Freiberuflichkeit impulsieren.

Verlagswesen im 21. Jahrhundert: Erweiterung und Hybridisierung

Die bisher beschriebenen Felder zeigen bereits: „Der Verlag“ als klar umrissene Entität ist eine Erzählung des 19. und 20. Jahrhunderts. Natürlich gibt es sie noch, die klassischen Buchverlage mit festen Strukturen, Programmreihen und langjährigen Mitarbeiter:innen. Aber das Feld hat sich erheblich erweitert – und die Grenzen sind durchlässiger geworden.

Startup-Verlage: Kleinere, oft digital orientierte Verlage experimentieren mit neuen Geschäftsmodellen – Direktvertrieb, Community-basierte Konzepte, hybride Formate (Buch + digitale Inhalte). Hier sind die Strukturen flacher, die Tätigkeitsprofile breiter. Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum sind etwa Katapult (Daten, Geschichte, Visualisierung), Reclam Digital, Supposé, Matthes & Seitz Berlin (mit starkem essayistischen und interdisziplinären Profil) oder thematisch fokussierte Kleinverlage wie Edition Nautilus. International lassen sich etwa Verso Books, MIT Press (Direct-to-Open) oder Unbound (UK, communityfinanziert) nennen. Historiker:innen arbeiten hier häufig an Themenentwicklung, Redaktion, Programmprofilen oder digitalen Erweiterungen – oft in Mehrfachrollen.

Medienhäuser mit Buchsparte: Traditionelle Medienhäuser wie Der Spiegel, Die Zeit oder die Süddeutsche Zeitung betreiben eigene Buchverlage oder Editionsreihen (z. B. Spiegel Buch, Zeit Edition, SZ Edition). Hier überschneiden sich journalistische und verlegerische Arbeit – und Historiker:innen, die beide Welten verstehen, haben Chancen. International gilt das etwa für The Guardian Faber Publishing, The New York Times Books oder Buchimprints großer Medienkonzerne. Gearbeitet wird hier häufig an Langformaten, Dossiers, Sachbüchern und kuratierten Reihen.

Plattformen: Selbstpublishing-Plattformen, Content-Plattformen und Wissensportale brauchen Menschen, die Inhalte kuratieren, bewerten und strukturieren können. Auch das ist Verlagsarbeit – nur unter anderen Vorzeichen. Beispiele sind Bookwire, BoD, Kindle Direct Publishing, aber auch wissensbasierte Plattformen wie Blinkist, Medium, Substack oder institutionelle Portale. Historiker:innen wirken hier als Kurator:innen, Editor:innen, Qualitätsprüfer:innen oder konzeptionelle Berater:innen.

Hybride Modelle: Zunehmend gibt es Angebote, die Buch, Onlinekurs und Community verbinden. Wer hier arbeitet, lektoriert nicht nur Texte, sondern entwickelt Formate – eine Tätigkeit, die klassische Verlagsarbeit mit digitaler Inhaltsentwicklung kombiniert. Beispiele sind Haufe Akademie, ManagerSeminare, LinkedIn Learning, aber auch kleinere Anbieter, die Fachbücher mit Kursen oder Lerncommunities verzahnen. International zeigen etwa O’Reilly Media oder Packt Publishing, wie stark sich Buch, Lernplattform und Community inzwischen verschränken.

Was bedeutet das konkret?

Verlagsarbeit heute ist oft medienübergreifend. Wer ein Buchprojekt betreut, entwickelt manchmal parallel dazu Blogartikel, Podcast-Folgen oder Webinar-Inhalte. Wer in einem Bildungsverlag arbeitet, erstellt nicht nur Lehrbücher, sondern auch digitale Lernmodule. Die Tätigkeiten bleiben erkennbar – Recherche, Strukturierung, Qualitätssicherung, Autor:innenbetreuung –, aber sie werden in unterschiedlichen medialen Kontexten angewendet.

Für Historiker:innen bedeutet das: Ihre Fähigkeit, komplexe Inhalte zu strukturieren, Quellen zu bewerten und zwischen Fachlichkeit und Vermittlung zu übersetzen, ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden. Sie ist in all diesen erweiterten und hybriden Formen von Verlagsarbeit relevant.

Blick ins Ausland: Andere Muster, andere Möglichkeiten

Ein kurzer Blick über die deutschen Grenzen kann helfen, die eigenen Vorstellungen zu erweitern – nicht, weil im Ausland alles besser wäre, sondern weil dort teilweise andere Muster existieren. Und weil wir alle schon gesehen haben, dass einschlägige Sach- und Fachbuchverlage auch Dependancen im Ausland haben (Frankfurt/New York oder Bielefeld/London).

In vielen angelsächsischen Ländern ist die Grenze zwischen Verlag, Bildung und Medien weniger starr gezogen. Es ist dort selbstverständlicher, dass jemand gleichzeitig für einen Verlag arbeitet, freiberuflich Kurse entwickelt und nebenbei journalistisch publiziert. Die Vorstellung von „einer Karriere in einem Haus“ ist weniger dominant.

Auch projektförmiges Arbeiten ist dort stärker etabliert. Verlage vergeben Projekte – Buchreihen, Editionen, Sonderpublikationen – und holen sich dafür die passenden Leute. Das bedeutet: Wer sich mit einem klaren Profil positioniert, kann auch ohne Festanstellung über Jahre hinweg stabil arbeiten.

Freiberuflichkeit wird dort nicht als prekäre Übergangslösung wahrgenommen, sondern als legitime Arbeitsform – mit entsprechenden Infrastrukturen, Netzwerken und Honorarstandards.

Das heißt nicht, dass das deutsche Modell schlechter wäre. Aber es zeigt: Die Vorstellung, dass eine „richtige“ Verlagskarriere nur als Festanstellung in einem etablierten Haus funktioniert, ist eine Erzählung – keine Notwendigkeit.

Von der Stellensuche zur Kompetenzverortung

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: „In welche Bereiche passen Historiker:innen im Verlagswesen?“

Die Antwort ist: in viele. Aber die Frage führt in die falsche Richtung, weg vom aktuellen Markt.

Wenn bundesweit nur 20–50 einschlägige Stellen pro Jahr entstehen, während gleichzeitig 70–80 % der historisch relevanten Verlagsarbeit freiberuflich organisiert ist, dann zeigt sich: Die klassische Stellensuche greift zu kurz.

Hilfreicher ist die Umkehrung: Wo werden die Kompetenzen gebraucht, die Historiker:innen mitbringen – und wie organisiere ich mich, um dort arbeiten zu können?

Dieser Perspektivwechsel macht einen Unterschied. Er verschiebt den Blick:

  • von Entitäten (Verlage) zu Tätigkeiten (Lektorat, Projektmanagement, Redaktion),
  • von Stellenausschreibungen zu Netzwerken und Akquise,
  • von der Frage „Passt mein Profil?“ zur Frage „Wo kann ich meine Kompetenz einbringen?“ und
  • von der Frage „Will ich in den Verlag?“ hin zu „Was will ich während meiner Arbeitszeit tun, und wie möchte ich meine Arbeit organisieren?“

Das ist keine motivierende Geste. Es ist eine pragmatische Orientierung angesichts der Marktlage.

Denn die Buchbranche – verstanden als Bereich, in dem Inhalte entwickelt, aufbereitet und publiziert werden – ist größer und vielfältiger, als die klassische Vorstellung vom „Verlag“ suggeriert. Die Engstelle liegt nicht bei den Kompetenzen, sondern bei der Organisationsform: Wer nur auf ausgeschriebene Stellen wartet, übersieht 70–80 % des Marktes.

Historiker:innen sind in diesem erweiterten Feld nicht Exot:innen, sondern gut anschlussfähig. Vorausgesetzt, sie lassen sich auf die Marktdynamik ein, statt der Modulhandbuchpräambel allein zu vertrauen, die sagt, „Verlag“ sei ein konsekutives Arbeitsfeld zum Studium. Und vorausgesetzt, sie sind bereit, sich nicht nur zu bewerben, sondern in ihrer Motivation und in ihren Kompetenzen zu reflektieren und zu positionieren.

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