In vielen vorherigen Beiträgen wurde bereits darüber berichtet, welche Angebote der reale Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler*innen bereit hält und wie man sein Wissen und Können gezielt nutzt, um sich auf Positionen im Jobmarkt zu bewerben. Was aber, wenn nach einer Auseinandersetzung mit dem Arbeitsmarkt ein Moment der Irritation oder Enttäuschung folgt und der ursprüngliche Wunschberuf vielleicht doch nicht mehr der richtige ist?

Ob am Anfang oder mitten im Berufsleben – berufliche Orientierung bleibt ein fortlaufender Prozess: Während sich ein großer Teil der Studierenden zu Beginn des Studiums Tätigkeiten in Kulturinstitutionen, Medien, Journalismus oder Verlagen wünscht finden sich dort später nur 5–10 % der Absolvent*innen wieder.  Gleichzeitig wechselt, laut der Bundesagentur für Arbeit, jedes Jahr rund ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland den Beruf oder das Tätigkeitsfeld.

Fünf Sichtweisen auf die (Neu-) Orientierung: Mit Realberufsfeldern umgehen

Wenn Orientierung eine Normalität moderner Erwerbsbiografien ist, stellt sich die Frage: Wie geht man damit praktisch um? Die folgenden fünf Sichtweisen bieten dafür einen Rahmen, der hilft, Realberufsfelder für sich in der Jobsuche nutzbar zu machen und den eigenen Weg Schritt für Schritt zu klären.

  1. Die individuelle Sichtweise – „Was passt wirklich zu mir?“

„Ich dachte immer, ich müsste in den Journalismus, weil das irgendwie ‚logisch‘ klang. Aber wenn ich ehrlich bin, hat mir bisher vor allem das Recherchieren, Strukturieren und Vermitteln Spaß gemacht — nicht unbedingt das Schreiben unter Zeitdruck.“

 In dieser Sichtweise geht es darum, die eigenen Interessen und Arbeitsweisen neu zu sortieren. Viele merken erst später, dass ihre ursprünglichen Wunschfelder eher Bilder waren als konkrete Vorstellungen. Die Frage verschiebt sich: weg von „Was wollte ich früher?“ hin zu „Was liegt mir tatsächlich?“.

2. Die strukturelle Sichtweise – „Warum sieht der Arbeitsmarkt so aus?“

„Ich habe lange gedacht, ich hätte etwas falsch gemacht, weil die Stellen in Kultur und Medien so rar sind. Erst jetzt verstehe ich, dass diese Bereiche einfach extrem klein sind — und dass Verwaltung, Hochschulen oder Bildungsarbeit viel größere, stabilere Strukturen haben.“

Diese Sichtweise hilft, die Diskrepanz nicht persönlich zu nehmen. Sie macht deutlich, dass Arbeitsmärkte nach institutionellen Logiken funktionieren: Tarifstrukturen, Zuständigkeiten, Finanzierung. Das erklärt, warum manche Felder schwer zugänglich sind, während andere realistische Einstiege bieten.

3. Die kompetenzorientierte Sichtweise – „Was kann ich eigentlich gut?“

„Als ich Stellenausschreibungen gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ständig Dinge wie ‚strukturierte Arbeitsweise‘, ‚Kommunikationsstärke‘ oder ‚Projektorganisation‘ gefragt sind. Das sind genau die Sachen, die ich im Studium ständig gemacht habe — nur habe ich sie nie als Kompetenzen gesehen.“

Diese Sichtweise löst sich von Berufsbezeichnungen und richtet den Blick auf Fähigkeiten. Sie zeigt, dass viele realistische Berufsfelder nicht deshalb passen, weil man sie „immer wollte“, sondern weil sie die eigenen Stärken tatsächlich nutzen.

4. Die entwicklungsorientierte Sichtweise – „Mein erster Job ist nicht mein letzter.“

„Ich habe gemerkt, dass ich nicht sofort den perfekten Job finden muss. Der erste Einstieg ist ein Anfangspunkt — kein endgültiges Urteil über meinen Weg.“

Diese Sichtweise nimmt Druck heraus. Sie betont, dass berufliche Identität sich entwickelt: durch Erfahrungen, Weiterbildungen, neue Aufgaben. Viele finden erst über Umwege heraus, was wirklich zu ihnen passt — und das ist kein Mangel, sondern ein normaler Prozess.

5. Die ausschreibungsorientierte Sichtweise – „Was verlangen reale Stellen wirklich?“

„Als ich angefangen habe, Stellenausschreibungen zu lesen, war ich überrascht: Da stand fast nie ‚Master erforderlich‘. Stattdessen ging es ständig um Dinge, die ich aus Nebenjobs, Ehrenamt oder Uni‑Projekten kenne — Projektorganisation, Texte schreiben, mit Leuten abstimmen, im Team arbeiten. Ich hatte ich immer gedacht, dass ich ohne Master gar nicht richtig anfangen kann. Aber die Ausschreibungen sagen etwas anderes.“

Diese Sichtweise richtet den Blick auf das, was reale Stellen tatsächlich voraussetzen, und sie zeigt ein deutlich anderes Bild als viele erwarten. Eine Analyse aktueller Ausschreibungen macht sichtbar, dass BA‑Absolvent*innen in vielen Feldern realistische Chancen haben, wenn sie praktische Erfahrung mitbringen und diese sichtbar machen.

Jetzt bist du dran!

  • Notiere dir drei Tätigkeiten aus Studium, Nebenjobs oder Ehrenamt, die dir wirklich lagen — und drei, die dir Energie gezogen haben. Orientiere dich an Tätigkeiten, nicht an Berufsbezeichnungen.
  • Schaue dir drei reale Stellenausschreibungen aus Bereichen, die du bisher übersehen hast. Prüfe: Welche Aufgaben tauchen immer wieder auf? Welche davon könntest du dir für dich vorstellen?
  • Erstelle dir eine kurze Liste deiner Kernkompetenzen (z. B. Strukturieren, Vermitteln, Organisieren). Ordne jeder Kompetenz ein konkretes Beispiel aus deinem Studium zu. So entsteht ein Profil, das du in Bewerbungen nutzen kannst.
  • Formuliere einen „nächsten sinnvollen Schritt“ statt eines langfristigen Ziels. Zum Beispiel: „Ich möchte in einem Umfeld starten, in dem ich koordinieren und kommunizieren kann.“ Das öffnet Wege, statt sie zu verengen.

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