Vergangene Woche, Workshop mit dem Thema: der verdeckte Arbeitsmarkt. Also die 60–75% aller Stellen, die besetzt werden, bevor oder ohne dass sie je öffentlich ausgeschrieben werden. Ich möchte einen Insight teilen, der im Laufe des zweiten Tags aufkam, nicht nur: Wo sind die verdeckten Stellen und wie erreiche ich sie, sondern

Wo fließen die Informationen?

Auch die, die den Kontext ausgeschriebener Stellen beschreiben, oder die, die helfen, Ansprache und Bewerbungen möglichst passend zu gestalten. Oder Abstand von einer Bewerbung zu nehmen.
Sie fließen an erstaunlich vielen Stellen, die fast niemand systematisch nutzt.

Foren – und zwar nicht nur Fachforen

Karriereforen in großen Publikumsportalen (ja, auch Brigitte.de – dort schreiben Menschen ungefiltert über ihre Arbeitserfahrungen). Fachforen von Verbänden. Diskussionsbereiche von Branchenmagazinen. Reddit-Subforen zu Berufsfeldern. Xing- und LinkedIn-Gruppen (nicht die Profile – die Diskussionen).

Was man dort findet: Wie Leute über ihre Arbeit reden, wenn sie nicht im Bewerbungsmodus sind. Welche Konflikte es gibt. Was nervt. Wo Stellen entstehen, weil jemand schreibt: »Bei uns suchen sie seit Monaten jemanden für XY, aber die Ausschreibung steht immer noch nicht.«

Kommentarbereiche – das unterschätzte Archiv

Kommentare unter Artikeln in Fachzeitschriften, Branchenblogs, Newsletter-Archiven. Dort findet man implizite Konfliktlinien innerhalb eines Feldes, informelle Insider-Einschätzungen und beiläufige Hinweise auf Projektpraxis, die in keiner Stellenanzeige stehen.

Verbands-Websites – aber nicht die Jobbörse

Die Jobbörse ist auch wichtig. Aber die eigentlich interessanten Seiten sind andere: Protokolle von Mitgliederversammlungen. Positionspapiere. Tagungsprogramme. Die Liste der Arbeitskreise. Förderbekanntmachungen.

Dort sieht man, wer diskutiert, welche Themen gerade strittig sind und wo Projekte entstehen. Wer die Sprecher:innen der Arbeitskreise sind, wer Tagungen organisiert, wer Positionspapiere schreibt – das sind keine Karrierekontakte, sondern Knotenpunkte im Feld. Und sie sind öffentlich zugänglich.

Förderportale und Projektlisten

Besonders relevant für Wissenschaft, NGO und öffentlichen Dienst: Fördermittelgeber veröffentlichen bewilligte Projekte, Antragstitel, Projektleitungen und Kooperationspartner. Dort sieht man, wer mit wem arbeitet, welche Themen gerade finanziert werden, welche Organisationen expandieren – und welche schrumpfen. Wo ein neues Drittmittelprojekt bewilligt wird, entsteht in den nächsten Monaten eine Stelle.

Podcasts – unterschätzt

In Gesprächsformaten erzählen Menschen, wie sie in ihre Rollen gekommen sind, welche Konflikte es in ihrem Feld gibt und welche Qualifikationen wirklich zählen. Oft fallen dort Nebensätze wie: »Eigentlich war die Stelle ganz anders gedacht …« oder »Wir haben dann jemanden intern genommen, weil …« – das sind Einblicke in die verdeckte Logik von Besetzungsprozessen, die man in keiner Stellenanzeige bekommt.

Stellenausschreibungen aus anderen Ländern

Ein Blick, der selten genutzt wird: Dieselbe Funktion wird im Ausland oft expliziter beschrieben als im deutschen Kontext. Eine britische oder niederländische Ausschreibung für eine vergleichbare Rolle benennt Aufgaben klarer, trennt schärfer zwischen Koordination und Inhalt, listet tatsächliche Verantwortlichkeiten statt Kompetenzkataloge. Das hilft nicht für die Bewerbung – aber enorm für das Verständnis, was eine Rolle eigentlich ist, und damit für den Zuschnitt der eigenen Bewerbung.

Was das für die Praxis bedeutet

Der verdeckte Arbeitsmarkt ist weniger verdeckt, als man denkt. Er ist nur an anderen Stellen sichtbar als dort, wo die meisten suchen.

Wer systematisch Foren, Verbandsstrukturen und Förderportale liest, macht etwas, das über Jobsuche hinausgeht: Man baut Feldkompetenz auf. Man versteht, wie eine Branche funktioniert, wer ihre Themen setzt, wo ihre Konflikte liegen und wo gerade Rollen entstehen, die noch keinen Namen haben.

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