In einem vergangenen Workshop hing eine Fragenkarte an der Wand, die für Absolvent:innen der Geisteswissenschaften insgesamt interessant ist: Wie werde ich Fach- oder Sachbuchautorin?

Hintergrund der Frage war die Beobachtung, dass ein Professor, bei dem die Person studiert, mit einem Titel in der SPIEGEL-Bestsellerliste vertreten war. Und auch, wenn die Professur kein berufliches Ziel war, interessierte diese Tätigkeit, nämlich erfolgreich Bücher schreiben und veröffentlichen. Gehen wir der Frage also nach.

Fachbuch vs. Sachbuch: unterschiedliche Perspektiven

Ein wichtiger Punkt für die Orientierung:

  • Fachbuchautor:innen schreiben für eine klar definierte Fachcommunity – es geht um Reputation, Zitierfähigkeit, Anschluss an Forschungsdiskurse.
  • Sachbuchautor:innen schreiben für ein breiteres, oft heterogenes Publikum – es geht um Verständlichkeit, Relevanz, Erzählbarkeit.

Der Übergang ist fließend, aber die Anforderungen an Ton, Struktur und Argumentation unterscheiden sich deutlich. Viele geisteswissenschaftliche Autor:innen sind stark im Inhalt, aber schreiben mit der falschen Genreannahme.

Beruf oder Produkt? Eine strukturell relevante Unterscheidung

Eine der wichtigsten Klärungen im Kontext von Sachbuch-Projekten lautet: Ist „Sach-/Fachbuchautor:in“ mein Beruf – oder ist das Buch ein Produkt innerhalb eines anderen Berufs?

Diese Unterscheidung ist nicht nur semantisch, sondern strukturell relevant.

Sach-/Fachbuchautor:in als Beruf

Hier ist das Schreiben selbst der Kern der beruflichen Identität. Einkommen wird primär über Buchhonorare, Vorschüsse, Lizenzen und Folgeprojekte erzielt. Typisch für diesen Weg sind eine starke personale Marke, hohe Sichtbarkeit, thematische Fokussierung und kontinuierliche Publikation.

Wer Autor:in als Beruf begreift, arbeitet häufig auch themenübergreifend – nicht nur im eigenen Fachgebiet, sondern als Auftragsautor:in, die sich in neue Stoffe einarbeitet, Recherchen übernimmt und verschiedene Genres bedient. Das erfordert andere Kompetenzen als das Schreiben im eigenen Forschungsfeld.

Dieser Weg setzt voraus, dass Themen ein breites oder zahlungsbereites Publikum erreichen, Verlage langfristig investieren und Autor:innen unternehmerisch denken (Positionierung, Anschlussprojekte). Der Markt ist klein, netzwerkorientiert, setzt auf Freiberuflichkeit und Einkommensmix. Darum ist die alltägliche Praxis für viele Geisteswissenschaftler:innen nicht so attraktiv, wie das Produktergebnis – der Bestseller, der sachbasiert Reputation aufbaut – verspricht.

Sach-/Fachbücher als Produkt innerhalb eines anderen Berufs

Deutlich häufiger – und oft stabiler – ist ein anderes Modell: Man ist von Beruf Wissenschaftler:in, Journalist:in, Redakteur:in, Berater:in oder Lehrkraft an einer Schule, und Sach- oder Fachbücher sind ein Produkt (und eine Einkommensquelle) innerhalb dieser Tätigkeit.

Hier schreibt man typischerweise im eigenen Fachspektrum – nicht als Auftragsautor:in, die sich in fremde Themen einarbeitet, sondern als Expert:in, die ihre Expertise in Buchform gießt.

Beispiele:

  • Wissenschaftler:innen, die Sachbücher zur öffentlichen Vermittlung als Ergänzung zu wissenschaftlichen Publikationen schreiben,
  • Journalist:innen, deren Recherchen in Buchform münden,
  • Berater:innen, die Bücher zur Profilbildung veröffentlichen,
  • Expert:innen, deren Buch in einem Ökosystem aus Beratungsaufträgen, Dozenturen, Vorträgen/Key Notes oder Projektes steht.

In diesem Modell muss das Buch nicht die stabile Einkommenssäule sein. Es dient oft der Reputation, Sichtbarkeit oder Positionierung; es ist ein strategisches Medium. Das natürlich auch Tantiemen und VG Wort-Anteile mit sich bringen kann.

Zwischen den beiden Polen gibt es viele Übergangsformen: Journalist:innen mit wiederkehrenden Buchprojekten, Wissenschaftler:innen mit regelmäßiger Sachbuchpublikation, Autor:innen, die zeitweise primär schreiben und zeitweise andere Einkommensquellen haben. Wichtig ist weniger die Kategorie als die Klarheit über das eigene Modell.

Wie Autor:innen in Verlage kommen

„In Verlage kommen“ bedeutet zunächst: ein Manuskript platzieren, einen Vertrag bekommen, publiziert werden. Das ist nicht dasselbe wie „davon leben können“. Die meisten Autor:innen verdienen mit einem einzelnen Buch – wenn überhaupt – nur einen Bruchteil dessen, was sie für die Erstellung investiert haben. Die Frage nach Einkommen stellt sich anders und wird weiter unten unter „Perspektiven“ behandelt.

Auch unterscheidet sich der Einstieg je nachdem, ob man einmalig im eigenen Fachgebiet publizieren will oder ob man langfristig professionell als Autor:in arbeiten möchte (mit verschiedenen Aufträgen, wechselnden Themen).

Für die Platzierung von Manuskripten gibt es drei realistische Einstiegswege, die sich in der Praxis oft überschneiden:

  1. Fachliche Sichtbarkeit
    Dissertation, Habilitation, Forschungsprojekte, Aufsätze, Sammelbandbeiträge, Vorträge, Lehre, Tagungen – das ist der klassische Weg im wissenschaftsnahen Sachbuch und im Fachverlag. Entscheidend ist dabei ausdrücklich nicht der akademische Titel, sondern ob eine Person bereits als kompetente Stimme zu einem Thema wahrgenommen wird.
  2. Journalistische oder öffentliche Vermittlung
    Zeitungs- oder Magazinbeiträge, Blogs, Podcasts, Essays, Beiträge in Stiftungs- oder Bildungszusammenhängen – viele erfolgreiche Sachbuchautor:innen kommen nicht aus der Professur, sondern aus der öffentlichen Wissensarbeit. Hier zeigt sich die Fähigkeit, komplexe Inhalte adressatenbezogen zu erzählen. (Mehr dazu auch in Historiker:innen im Verlagswesen)
  3. Mitarbeit im Verlags- oder Medienumfeld
    Lektorat, Redaktion, Projektarbeit, freiberufliche Gutachten, Exposés, Beratung – dieser Weg ist unspektakulär, aber sehr wirksam. Wer im System arbeitet, lernt Themenlogiken, Marktmechanismen und Publikumsfragen und wird oft gezielt als Autor:in angesprochen.

Ein geisteswissenschaftlicher Abschluss ist weder Garantie noch Hindernis. Entscheidend sind andere Fähigkeiten – und diese unterscheiden sich je nachdem, ob man im eigenen Fachspektrum schreibt oder als professionelle Autor:in Auftragsarbeiten übernimmt.

Autor:in im eigenen Fachspektrum

Wer über das eigene Forschungsfeld, Fachgebiet oder Expertise schreibt, braucht vor allem:

  • Themensouveränität (kein Spezialwissen ohne Überblick)
  • Strukturierungsfähigkeit (Argumente, Kapitel, Dramaturgie)
  • Zielgruppenbewusstsein (für wen ist das Buch?)
  • Anschlussfähigkeit an aktuelle Diskurse
  • Zuverlässigkeit im Projektverlauf

Viele dieser Kompetenzen sind implizit Teil geisteswissenschaftlicher Ausbildung, werden aber selten als solche benannt oder strategisch eingesetzt.

Professionelle Auftragsautor:in

Wer den Beruf hat, Autor:in zu sein (nicht nur gelegentlich im eigenen Fachgebiet zu publizieren), braucht zusätzlich:

  • die Fähigkeit, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten,
  • Storylogik entwickeln (auch für fremde Stoffe),
  • zwischen verschiedenen Genres und Tonalitäten wechseln können,
  • Recherche- und Interviewkompetenz für unbekannte Felder,
  • Schreibdisziplin und Deadlinemanagement,
  • Verhandlungsgeschick (Honorare, Rechte, Umfänge).

Zentral ist auch offenes, grundsätzlich interessiertes Denken. Es ist hinderlich, wenn eine lange oder intensive Sozialisation in einem Teilfeld einer ohnehin nicht großen wissenschaftlichen Disziplin Wahrnehmung und Bewertung anderer Fragen und Themen determiniert. Oder, polemisch: Streiche „Wir sind die einzig ernstzunehmende Wissenschaft“ und ersetze durch „Wow, wie bunt ist die Welt, lasst sie uns erkunden.“

Diese Form der Autor:innenschaft ist eine eigene professionelle Kompetenz, die über fachliche Expertise hinausgeht.

Perspektiven

Hier lohnt Nüchternheit. Wie oben bereits angedeutet: Ein Buch zu veröffentlichen ist nicht dasselbe wie davon zu leben. Nur sehr wenige Autor:innen leben allein vom Schreiben von Fach- oder Sachbüchern. Honorare und Vorschüsse sind oft moderat, besonders im Fachbuch (häufig drei- bis niedrig vierstellig). Verkaufszahlen im wissenschaftsnahen Sachbuch liegen oft im Bereich von einigen hundert bis wenigen tausend Exemplaren. Tantiemen (prozentuale Beteiligung am Verkauf) machen sich erst bei höheren Auflagen bemerkbar. Die Arbeitszeit für ein Buch (Recherche, Schreiben, Korrektur) übersteigt den finanziellen Ertrag meist deutlich.

Das bedeutet: Bücher „rechnen“ sich oft nicht finanziell, sondern als Reputations-, Anschluss- oder Profilierungsinstrument. Sie ermöglichen Vorträge, Beratungsaufträge, Lehraufträge. Sie positionieren als Expert:in in einem Feld. Sie schaffen Sichtbarkeit für andere Tätigkeiten. Sie sind Teil eines größeren beruflichen Kontexts.

Fazit

Für viele Geisteswissenschaftler:innen ist Autorschaft deshalb Teil eines Portfolio-Modells: Schreiben, Lehre, Beratung, Projekt- oder Redaktionsarbeit. (Mehr zu Portfolio-Karrieren: Mix-and-Match-Karrieren für Geisteswissenschaftler:innen und Ein kleines ABC der hybriden Jobs)

Das entwertet die Autor:innenschaft nicht – im Gegenteil: Sie wird dadurch strategisch einsetzbar, ohne dass die gesamte Existenz von Buchverkäufen abhängen muss.

Weiterlesen

Weiterbildung und praktische Unterstützung:

Nützliche Plattformen für Einstieg und Vernetzung:

  • buchreport.de – Branchenmagazin mit Stellenmarkt
  • Buchmarkt.de – Fachzeitschrift für den Buchhandel
  • boersenblatt.net – Portal des Börsenvereins mit Jobs und Branchennews
  • literaturcafe.de – Informationen rund ums Schreiben und Publizieren
  • Ein professionelles Buchexposé ist der Türöffner zu Verlagen. Hilfreiche Anleitungen finden sich bei Uschtrin (Handbuch für Autorinnen und Autoren) und beim Literatur-Café.

Hilfreiche Ressourcen für angehende Autor:innen:

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