Derzeit bin ich auf Arbeitsreise in den Niederlanden. Bei der Erkundung der Karriereberatung für Geisteswissenschaftler:innen an den Unis ist mir ein Wort begegnet, das ich in anderer Verwendung kenne und das auch durchaus umstritten ist: valorisatie. Valorisation.

Wer das Wort nachschlägt, landet zunächst beim älteren Begriff aus der Außenwirtschaft: staatliche Maßnahmen, um den Preis eines Rohstoffs zu stützen. Das ist hier nicht gemeint. In Bezug auf die Employabilty meint valorisation in etwa „Aufwertung“: etwas zur Geltung bringen, ihm Wert verleihen. Und diese aktive Bedeutung steckt in der niederländischen Wortverwendung in Bezug auf das Studium — nicht Wert haben, sondern in Wert setzen. Wissen wird nicht gewürdigt, weil es ohnehin wertvoll ist. Es wird aufgewertet, indem es bei anderen wirkt.

Bei uns reden wir über Employability. Über Transfer. Verhalten auch über Anwendung; verhalten, damit es kein Missverständnis mit angewandten Studiengängen gibt, die weniger vergeistigt sind. Und dann gibt es die starke Gegenstimme, die all das gar nicht erst mitmachen will und auf der Zweckfreiheit des geisteswissenschaftlichen Studiums beharrt — Wissen, das sich nicht rechtfertigen muss, das niemandem zu dienen hat. Diese Spannung ist alt und sie ist ehrlich. Ich will sie hier gar nicht auflösen.

Mir ist nur etwas aufgefallen. Alle diese Begriffe — Employability, Transfer, Anwendung — drehen sich, kaum sind sie ausgesprochen, um die einzelne Person.

  • Was kann ich?
  • Was habe ich gelernt?
  • Was steht in meinem CV?

Selbst die Zweckfreiheit ist eine Aussage über mich: über meine Freiheit, über meinen Wert. Valorisation, so scheint mir zumindest eine Facette, verändert die Perspektive. Sie fragt, was mein Wissen, meine Kompetenz bei anderen auslöst.

Ich bin mir nicht sicher, ob dieser kleine Dreh für dich trägt. Bei mir hat er etwas verschoben; es ist ähnlich wie beim Lektorieren, wo auch irgendwann der Punkt kommt, an dem ich die Perspektive der Autor:in, die etwas ausdrücken will, verlasse, und zur Perspektive des Publikums wechsele, bei dem etwas ausgelöst werden soll, und ich frage: Gelingt dies mit dem Text, so, wie er gerade vorliegt? Und wenn nicht – was müssen wir verändern, damit die gewünschte Wirkung erzielt wird?
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Vom Inventar zur Wirkung

Stell Dir vor, Du stehst in der Mitte einer Werkstatt; um Dich herum Regale voller Werkzeuge. Mit ihnen kannst Du Quellen kritisieren, Diskurse analysieren, Ambiguität aushalten, komplexe Texte durchdringen und wahrscheinlich noch viel mehr. Du suchst etwas aus und erstellst damit ein Werkstück, handwerklich einwandfrei, platzierst es sorgfältig auf der Werkbank, und dann verlässt Du die Werkstatt. Du wünschst Dir, dass jemand draußen Dein Werkstück bemerkt, wertschätzt und vielleicht sogar kauft. Aber es fehlt nicht nur Interesse; es fehlt sogar die Wahrnehmung, dass es das Werkstück überhaupt gibt. Und so wird es zu einem Punkt in Deiner Inventarliste = CV.

In einem anderen Bild bist Du in der Stadt unterwegs und stellst fest: Es mangelt nicht an guten Ideen, aber für die Umsetzung dieser Ideen ist unklar, wie sie zu bewerten sind, warum welche Widersprüche auftreten und wie gute Entscheidungen für die Auswahl getroffen werden können. Du begibst Dich in die Werkstatt, um ein Werkstück zu bauen, das es den Entscheider:innen erleichtert, Komplexität zu durchdringen und gute Entscheidungen zu treffen. Du wählst z.B. didaktische und analytische Anteile, nimmst zielgruppenorientierte, multimediale Kommunikationselemente hinzu, leihst Dir aus der Nachbarwerkstatt für dieses Projekt etwas Prozessmanagement aus.
Dann trägst Du Dein Werkstück in den Stadt zu den Menschen, bei denen Du zuvor den Entscheidungsstau bemerkt hast. Du kommunizierst nicht: „Ich kann aus 500 widersprüchlichen Ideen die herausfiltern, die uns weiterbringen“, sondern: „Mit meinem Werkstück verstehen Sie in 10 Minuten, nach welchen Kriterien Sie in dieser Sache Entscheidungen treffen können.“

Die Wirkung ist nicht meine Kompetenz. Die Wirkung ist die Entscheidungssicherheit der anderen. Weg von dem, was ich besitze. Hin zu dem, was ich ermögliche.

Ich finde das interessant, weil es einen alten Reflex unterläuft. Wir sind es gewohnt, unseren Wert über Tiefe zu begründen — je komplexer, je voraussetzungsreicher, desto wertvoller. Und durchaus auch: um so wichtiger, zu hüten, zu verbergen und vor allzuleichter Imitation zu schützen. Valorisation dreht das nicht um, aber es fügt etwas hinzu: Tiefe wird dort wertvoll, wo sie für andere einen Unterschied macht.
Ich spiele das mal an drei Beispielen durch.

Das Antiquariat

Antiquariate boomen (also: im kleinen Rahmen) auf Social Media. Wenn ich im akademischen Kontext über das Antiquariat als Berufsfeld sprach, kam mit hoher Wahrscheinlichkeit der Einwand: „Das ist doch kein akademischer Beruf. Klar, jeder kennt wen, der:die sich da durchhangelt. Aber das kann man in einer Ausbildung lernen, oder man steigt quer ein. Ankaufen, recherchieren, verkaufen.“

Der Einwand stimmt — solange man das Antiquariat als Einzelhandel begreift. Unter dem Aspekt der Gestaltung und Wirkung sieht es anders aus.

Ein:e Antiquar:in mit geisteswissenschaftlichem Blick verkauft nicht nur ein Buch. Sie entscheidet mit, was aus der Flut des Vergessens bewahrt wird und für andere zugänglich bleibt. Sie sagt einer Forscherin nicht nur, dass ein Exemplar selten ist, sondern dass die Randnotizen darin ihre Fragestellung verschieben könnten. Sie sieht in einer aufzulösenden Gelehrtenbibliothek nicht fünftausend Einzelbände, sondern die Struktur eines Denkens — und übersetzt ein unübersichtliches Erbe in eine Ressource, mit der andere weiterarbeiten können.

Ein Quereinsteiger sieht den Marktwert. Was hier dazukommt, ist der Verknüpfungswert: das Gespür dafür, wo eine Information für jemand anderen den Unterschied macht. Das ist nichts, was man nebenbei lernt. Das ist genau die Übung, die ein geisteswissenschaftliches Studium leisten kann.

Der Content Lead

Kaum etwas wird in akademischen Kreisen schneller als oberflächlich abgetan als Inhalte für Social Media. Und doch sitzen hinter den seriösen Formaten oft Leute mit genau diesem Hintergrund.

Mirko Drotschmann, bekannt als MrWissen2go, hat Geschichte und Kulturwissenschaft in Karlsruhe studiert und führt heute eine Produktionsfirma, die Wissensformate für ein Millionenpublikum macht. Leonie Schöler, die als @heeyleonie auf TikTok und Instagram Geschichte vermittelt und mit Beklaute Frauen einen Bestseller geschrieben hat, hat in Berlin Literatur, Geschichte und Philosophie studiert.

Ja, sie „posten“ und reduzieren Komplexität. Aber alle, die wir schon Kürzungsvorgaben bei Publikationen hatten oder einen halben Tag in ein Abstract gesteckt haben, wissen: Eine vierhundertseitige Argumentation über Machtstrukturen in ein Skript zu gießen, das in sechzig Sekunden funktioniert und trotzdem wahr bleibt, ist schwerer als die vierhundert Seiten selbst. In einer Welt voller Verkürzung und Halluzination ist die Quellenkritik kein akademisches Hobby mehr, sondern eine Schutzfunktion für den Diskurs vieler.

Die Wirkung für andere ist nicht als Unterhaltung zu missverstehen. Es ist die Befähigung, selbst genauer hinzusehen.

Die Finanzberatung

Der Endgegner: anrüchig, berechnend, kalt – das Gegenteil von dem, weshalb man Geisteswissenschaften studiert hat. Hinzu kommen ästhetische Hürden: Konfektionshemden, Kostüme für die Dame, und nenne mir 5 Gebäude aus jüngerer Zeit, die irgendwas mit Finanzen machen und architektonisch interessant sind. Es geht wirklich nur schwer mit unserer akademischen Identität zusammen. Und darum ist es schwer, differenzierte Rollen in der Finanzwelt zu sehen. Aber es gibt sie.

Nikolaus Braun zum Beispiel. Promovierter Historiker, der eher zufällig bei einer Großbank landete, das Provisionsgeschäft satt hatte und 2017 in München eine unabhängige Honorarberatung mitgründete. Heute ist er Senior Partner einer Vermögensverwaltung und schreibt Bücher, die eher Essays über das gute Leben sind als Ratgeber. Er verkauft keine Produkte. Er moderiert die Frage, in welchem Verhältnis ein Mensch zu seinem Geld steht — wo Angst sitzt, wo Scham, wo Identität. Das ist angewandte Biografiearbeit in einem Feld, das man dafür nicht auf dem Schirm hat.

Ohne den geisteswissenschaftlichen Hintergrund wäre seine Beratung vermutlich eine technische Optimierung von Tabellen. Mit ihm ist sie eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie jemand leben will. Die Wirkung für andere ist Orientierung in einem Raum, der die meisten Menschen überfordert.

Eine Positionsfrage

Die eine Haltung fragt: Ist dieser Job meiner Würde angemessen? Wird meine Kompetenz hier gewertschätzt? Das ist die Inventar-Frage, und sie endet oft in Kränkung.

Die andere fragt: Wo herrscht hier eine Komplexität, an der Menschen sich abarbeiten oder in die Irre laufen — und was würde meine Arbeit daran ändern? Das ist die Wirkungs-Frage.

Das ist nicht das Ende aller Berufseinstiegssorgen und auch nicht die Ignoranz systemischer Probleme. Aber wenn wir in die Eigenverantwortung gehen, müssen wir verstehen, wo unser Spielraum ist. Darum reizt mich dieses Valorsations-Denken; es ist kein Verrat an der Wissenschaft und auch keine kapitalistische Erlösungserzählung. Es ist viel nüchterner, einfach eine andere Position, die nicht mich ins Zentrum stellt, sondern den Moment, wo mein Wissen jemand anderen berühren kann.

Vielleicht ist das ein Gedanke für Dich. Aber vielleicht bleibst Du auch lieber bei der Zweckfreiheit, und das ist gleichfalls eine ernstzunehmende Position. Aber falls du gerade vor einer Entscheidung stehst und nicht weiterkommst, stell mal die Frage: Für wem würde es einen Unterschied machen, wenn ich mein Wissen und Können einsetze?

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