
Jede und jeder siebte junge Erwerbstätige ist für den aktuellen Job überqualifiziert – so das Statistische Bundesamt in der Arbeitskräfteerhebung 2024. Bei den unter 35-Jährigen sind 15% formal überqualifiziert. Besonders betroffen: Frauen (16%) und Menschen mit Einwanderungsgeschichte (18%, bei selbst Zugewanderten 19%).
Dazu kommt: 22% arbeiten fachfremd, bei Migrationsgeschichte sind es 28%. Das sind zwei verschiedene Kategorien, die zusammenfallen können: Man kann überqualifiziert sein (zu hoher Abschluss für die Position) und/oder fachfremd arbeiten. Beides gleichzeitig ist besonders frustrierend.
Für Geisteswissenschaftler:innen sind diese Zahlen vertraut. Die Bundesagentur für Arbeit bestätigt: Auch in unseren Disziplinen ist das ein Thema, wenngleich mit Nuancen. Ein Viertel arbeitet fachfremd, aber auf angemessener Position. 11% sind zehn Jahre nach Studium sowohl fach- als auch positionell inadäquat beschäftigt.
Aus dem Workshop gefragt
„Soll ich wirklich einen Master machen/ promovieren? Oder bin ich dann überqualifiziert und meine Chancen sinken?“ Diese Frage kommt in Workshops regelmäßig. Dahinter stecken meist beide Themen, die oben schon genannt sind: sowohl die Sorge, formal nicht geeignet zu sein wegen eines zu hohen Abschlusses für die Position und in der Folge fachfremd arbeiten zu müssen. Damit einher geht die Angst, dauerhaft unzufrieden zu sein.
Berechtigte Sorge!
In ländlichen Räumen mit begrenztem Stellenmarkt kann es durchaus sein, dass die einzige offene Stelle weit und breit in zeitlicher Nähe eine E10-Stelle ist. Gleiches sehen wir unabhängig von Region für das Arbeitsfeld NGO und auch für das Wissenschaftsmanagement. Egal, ob Master oder Promotion. Dann heißt es: Entweder Klageverzicht oder Region verlassen. Und nicht alle sind mobil, aus guten Gründen.
Das ist frustrierend. Das darf frustrierend sein. Und es ist ein strukturelles Problem, kein individuelles Versagen.
Verkürzter Blick
Trotzdem greift die Frage „Lohnt sich Master/Promotion?“ zu kurz:
Erstens: Überqualifikation ist ein Arbeitsmarktproblem, keine Bildungsfehlentscheidung.
Es ist ja kein Geheimnis, wie die Absolvent:innenzahlen sind. Der Arbeitsmarkt schafft nicht genug angemessene Stellen bzw. für die Verbindung von Studium und Arbeitsmarkt sind die Absolvent:innen selbst zuständig. Weder ist das geisteswissenschaftliche Studium an Arbeitsmärkten jenseits von Schule und Wissenschaft ausgerichtet, noch schauen Arbeitgeber, welche Einstiegsjobs für unsere Absolvent:innen sie passgenau schneidern könnten. Die Frage ist nicht „Soll ich mich kleiner machen?“, sondern „Wie gehe ich strategisch mit dieser Matchinglücke um?“
Zweitens: Studium und Promotion sind keine Übergangszeiten vor dem richtigen Leben.
Wenn man diese Jahre so gestaltet, dass sie selbst richtiges Leben sind – mit eigener, außergewöhnlicher Qualität, dann lohnen sie sich als gute Jahre mit eigenem Wert. Es können Jahre mit großer individueller Freiheit sein, Jahre der thematischen Konzentration und Vertiefung, Jahre, in denen man sein Interessensgebiet für das ganze Leben aufbaut und einen inneren oder materiellen Fundus dafür anlegt. Das heißt nicht, dass immer alles rosig ist, natürlich gibt es Strukturprobleme, natürlich wird es Konflikte geben, so ist das Leben.
Dennoch: Wenn man sich davon lösen kann, diese Phase als regulierte Qualifikationszeit fremdbestimmt abzuleisten, und sie auf seine Weise gestaltet, dann ist sie immer wertvoll. Und wird auch prägend und nachhaltig sein.
Drittens: Wir müssen die ökonomische Verwertungslogik nicht mittragen. „Lohnt sich das?“ impliziert eine rein transaktionale Sicht: Bildungsinvestition → Arbeitsmarkt-Return. Aber Leben besteht aus mehr als Gehaltsstufen. Natürlich brauchen wir Existenzsicherung. Aber die muss nicht aus einer 1:1-Übertragung aus dem Studium bestehen, sie muss nicht in abhängiger Erwerbsarbeit bestehen, wir haben die Wahl. Nicht unbegrenzt, sicher, aber sicher auch mehr Optionen als Unterqualifizierte.
Der intersektionale Aspekt
Die Statistik zeigt: Es ist härter für Frauen (16%), noch härter für Menschen mit Einwanderungsgeschichte (18%), am härtesten für selbst Zugewanderte (19%). Interessant: Diese Gruppen sind gleichzeitig auch häufiger unterqualifiziert (11% vs. 6%). Das ist kein Widerspruch, das ist systematischer Mismatch – der Arbeitsmarkt kann diese Qualifikationen nicht adäquat erfassen und platzieren.
Das heißt: Du brauchst womöglich klarere Strategien, bessere Netzwerke, mehr Hartnäckigkeit. Nicht, weil Du etwas falsch gemacht hast, sondern weil die Strukturen diskriminierend sind.
Was heißt das konkret?
- Strategisch denken: Wenn der lokale Arbeitsmarkt begrenzt ist – wo gibt es Nischen? Welche Optionen schaffen echten Mehrwert?
- Lebensqualität ernstnehmen: Was würde Dir mehr fehlen: Die verpasste Qualifikation oder die höhere Gehaltsstufe? Es gibt keine richtige Antwort, aber es ist Deine Entscheidung, nicht die des Arbeitsmarktes.
- Das strukturelle Problem benennen: Überqualifikation und fachfremde Arbeit sind Arbeitsmarktprobleme, keine Bildungsfehler. Flexibilität sollte nicht heißen: unter Niveau arbeiten.
Fazit
„Bin ich dann überqualifiziert?“ können wir weiterdenken zu „Was will ich können, wissen, erlebt haben – und wie navigiere ich dann durch den aktuellen Arbeitsmarkt?“ Diese Veränderung der Frage gibt Entscheidungsmacht zurück
