Ein Job, in dem man über Kulturaustausch nachdenkt, zwischen Ländern vermittelt, vielleicht in Paris, Brüssel oder Kairo sitzt, und dabei das Gefühl hat, dass die eigene Arbeit etwas bedeutet – klingt gut. Internationale Kulturpolitik gehört zu den Berufsfeldern, bei denen viele Geisteswissenschaftler:innen in Resonanz gehen – aber auch immer wieder zurückrudern und zur Sicherheit lieber nach Traineestellen oder Volontariaten fragen. Darum schauen wir einmal, was es mit dem Traumjob Internationale Kulturpolitik aktuell auf sich hat. Kleiner Spoiler: Es ist kein Traumjob, der regelmäßig ausgeschrieben wird, man bewirbt sich und landet darin. Sondern ein Feld, das man aktiv ansteuern und kennenlernen muss.

Was internationale Kulturpolitik eigentlich ist

Internationale Kulturpolitik ist, vereinfacht gesagt, die Arbeit daran, wie Staaten, Institutionen und Organisationen kulturelle Beziehungen über Grenzen hinweg gestalten. Das klingt abstrakt, ist es in der Praxis aber nicht. Es geht um konkrete Fragen:

  • Welche Ausstellungen reisen wohin?
  • Welche Autorinnen werden übersetzt und gefördert?
  • Wie stellt sich Deutschland, die EU, die UNESCO in der Welt kulturell dar?
  • Wie wird Kulturerbe geschützt — und wessen Kulturerbe eigentlich, nach welchen Kriterien?

Dahinter steckt immer sowohl das Ideelle als auch das Politische. Kulturpolitik ist nie nur Kultur. Sie ist immer auch Soft Power, Beziehungspflege, manchmal Konfliktbearbeitung. Wer in diesem Feld arbeitet, muss beides aushalten und zusammendenken können.

Wer in diesem Feld arbeitet. und was

Das Feld ist breiter als der erste Gedanke vermuten lässt.

Goethe-Institut Das Goethe-Institut ist für viele der erste Bezugspunkt. Mit über 150 Instituten in fast 100 Ländern ist es die wichtigste deutsche Auslandskulturorganisation. Menschen, die dort arbeiten, entwickeln Kulturprogramme, kuratieren Ausstellungen, organisieren Veranstaltungen und Bildungspartnerschaften, koordinieren Netzwerke mit lokalen Kulturinstitutionen. Offene Stellen finden sich auf der Karriereseite des Goethe-Instituts.

Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) Das ifa in Stuttgart ist weniger bekannt, aber zentral. Es fördert internationalen Kulturaustausch, vergibt Stipendien, betreibt Galerien und Archive  und forscht selbst zur Kulturpolitik. Wer konzeptionell denken will, ohne auf reine Wissenschaft beschränkt zu sein, findet hier einen ungewöhnlich guten Platz. Das ifa vergibt auch Praktika für Studierende verschiedener geisteswissenschaftlicher Fächer.

Auswärtiges Amt / Kulturreferate Das Auswärtige Amt koordiniert die Auswärtige Kulturpolitik Deutschlands insgesamt — und beschäftigt dafür Kulturattachés und Kulturreferent:innen in deutschen Botschaften weltweit. Das ist ein klassischer Beamtenweg mit Auswahlverfahren, Traineeprogramm, und dem, was diplomatisches Leben mit sich bringt: Versetzungen, Hierarchien, Protokoll. Aber auch: Gestaltungsspielraum, internationale Netzwerke, und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.

UNESCO Die UNESCO ist für viele der eigentliche Traumort — Paris, Weltkulturerbe, globale Debatten. Die Realität ist: UNESCO-Stellen sind extrem umkämpft, oft befristet, und erfordern fast immer vorherige einschlägige Erfahrung plus fließendes Englisch und Französisch. Es gibt aber Wege hinein: über nationale Delegationen, über Juniorexpertenprogramme, über Praktika. Der Einstieg ist schwierig, aber letztlich nicht unmöglich, denn schließlich arbeiten Menschen da.

Europäische Union: Creative Europe Die EU fördert über Creative Europe Kulturprojekte, Ko-Produktionen und Netzwerke — und beschäftigt dafür Menschen in Brüssel und den nationalen Kontaktbüros. Das Nationale Kontaktbüro Creative Europe Deutschland sitzt in Bonn und Berlin. Wer EU-Kulturpolitik von innen verstehen will, ohne direkt in Brüssel zu starten, ist hier gut aufgehoben.

Stiftungen mit internationalem Kulturmandat Robert Bosch Stiftung, Kulturstiftung des Bundes, Bundeszentrale für politische Bildung, Alexander von Humboldt-Stiftung — sie alle haben Programme mit internationalem Kulturanteil. Die Arbeit ist oft inhaltsnäher als in Behörden, die Hierarchien flacher, die Bezahlung solide.

Und noch mehr Orte

Interessant für Menschen mit inhaltlichem Profil ist das Kompetenzzentrum Internationale Wissenschaftskooperationen (KIWi) beim DAAD, das deutsche Hochschulen in Fragen der Science Diplomacy berät und sich an der Schnittstelle von Wissenschaft und internationaler Politik bewegt. Kein romantischer Traumjob — aber ein sehr solider Experten-Job mit echtem Gestaltungsspielraum.

Die parteinahen Stiftungen werden selten genannt, sind aber relevant: Heinrich-Böll-, Friedrich-Ebert-, Konrad-Adenauer- und Hanns-Seidel-Stiftung unterhalten alle umfangreiche internationale Programme mit eigenen Büros im Ausland. Strukturell ähneln diese Jobs dem Goethe-Institut — mit dem Unterschied, dass immer ein parteipolitischer Rahmen mitschwingt.

Und dann gibt es noch eine wachsende, kaum sichtbare Kategorie: Exzellenzverbünde und Universitätsallianzen, die eigene Einheiten für internationale Strategiearbeit aufbauen. Die Berlin University Alliance hat mit dem Berlin Center for Global Engagement eine Plattform für Kooperationen mit dem Globalen Süden, Science Diplomacy und akademische Freiheit geschaffen. Diese Jobs existieren bisher nur vereinzelt, aber das Modell wächst.

Ebenfalls strukturell relevant: die großen Kirchen. Misereor, Missio, Brot für die Welt und die internationalen Abteilungen von Caritas und Diakonie betreiben echte internationale Programm- und Projektarbeit in Entwicklungszusammenarbeit, Kulturdialog, Bildung. Die Evangelischen und Katholischen Akademien veranstalten internationale Tagungen, pflegen Netzwerke, produzieren inhaltliche Arbeit auf hohem Niveau. Und die Deutsche Bischofskonferenz sowie die EKD unterhalten eigene außenpolitische Referate. Das ist kein Ersatz für internationale Kulturpolitik im engeren Sinne, aber es ist ein Feld mit echter Reichweite, solider Bezahlung und inhaltlicher Tiefe. Der praktische Vorteil: Diese Arbeitgeber sind nicht auf Berlin, Bonn und Brüssel konzentriert. Wer in der Provinz studiert, hat hier manchmal kürzere Wege. Der bekannte Vorbehalt: Kirchenmitgliedschaft wird oft erwartet, manchmal formal vorausgesetzt; zumindest sollte man die Kirche nicht verlassen haben.

Was man dort wirklich tut — ein normaler Dienstag

In einer Kulturabteilung könnte der Arbeitstag so aussehen: Morgens E-Mails mit lokalen Partnerinstitutionen, einer Galerie, einem Theater, vielleicht der Botschaft. Es geht um einen Abend nächsten Monat, an dem eine deutsche Autorin liest — wer moderiert, wer übersetzt, ob die Technik steht, ob der Flyer ins Programmheft kann. Man erstellt Programmhefte, koordiniert Veranstaltungen, pflegt Korrespondenz mit Partnerinnen — und begleitet die Abende dann auch selbst. Mittags ein Jour fixe mit dem Team über das Quartalsprogramm. Nachmittags Texte schreiben — für die Website, für Social Media, für einen Förderantrag.

Was dabei nicht vorkommt, sind lange kontemplative Momente der Reflexion über Kulturaustausch. Die passieren zwischendurch, auf dem Weg zur Veranstaltung, im Gespräch mit der Künstlerin backstage. Aber der Job ist zu einem guten Teil Koordination, Kommunikation, Logistik — auf hohem inhaltlichem Niveau, aber eben doch Koordination.

Bei der UNESCO in Paris ist die Arbeit abstrakter und politischer. Man schreibt Berichte, bereitet Konferenzen vor, wertet Staatenberichte aus, sitzt in Arbeitstreffen mit Delegierten. Die UNESCO analysiert Trends der Kulturpolitik weltweit, will Wissen teilen und politische Veränderungen anstoßen — das ist der Rahmen. Konkret bedeutet das: viel Textarbeit, viel Abstimmung auf Englisch und Französisch. Der inhaltliche Horizont ist weit. Die Tagesarbeit ist kleinteilig.

Zwei Beispiele

Carola Lentz studierte Soziologie, Politikwissenschaft, Germanistik und Pädagogik — und wurde nach einer langen Karriere als Ethnologie-Professorin von 2020 bis 2024 Präsidentin des Goethe-Instituts. Ihr Weg führte nicht durch Kulturmanagement-Studiengänge, sondern durch Jahrzehnte internationaler Wissenschaftsvernetzung, Feldforschung in Westafrika, Gastprofessuren in Europa und den USA. Die internationale Kulturpolitik war das Ende einer langen Bewegung, keine geplante Karriere.

Gitte Zschoch studierte Vergleichende Literaturwissenschaften in München und Moderne Koreanische Literatur in Seoul und ist heute Generalsekretärin des Instituts für Auslandsbeziehungen. Dazwischen: freie Kulturmanagerin und Autorin, dann Goethe-Institut in München, Seoul, Tokio und Johannesburg, dann Gründungsdirektorin der Außenstelle in Kinshasa, dann Geschäftsführerin des europäischen Kulturinstitute-Netzwerks EUNIC in Brüssel. Ihr Weg zeigt das Muster klarer als jede Stellenbeschreibung: früh ins Ausland, früh in Institutionen, Schritt für Schritt größere Verantwortung.

Beide haben Geisteswissenschaften studiert. Keine von ihnen hat einen Master in Kulturmanagement. Was sie verbindet: Sprachen, Mobilität, und die Bereitschaft, früh dorthin zu gehen, wo die Institutionen sind.

Was man mitbringen muss

Internationale Kulturpolitik ist ein Feld für Menschen, die Ambiguität aushalten. Man arbeitet selten allein, fast immer in Netzwerken, fast immer mit politischen Rahmenbedingungen, die sich verschieben. Wer nur inhaltlich denken will, wird sich reiben.

Was wirklich hilft: Sprachen — Englisch ist Grundvoraussetzung, Französisch öffnet deutlich mehr Türen als man denkt, jede weitere Sprache ist echter Vorteil. Auslandserfahrung — nicht als Touristin, sondern als jemand, der in einem anderen System gearbeitet, studiert, gelebt hat. Und ein konkretes inhaltliches Profil. Kulturpolitik ist groß. Wer sagen kann „Ich kenne mich aus mit Kulturerbe und Konflikt“ oder „Ich habe drei Jahre in der arabischen Kulturszene gearbeitet“ ist interessanter als jemand, der alles ein bisschen kann.

Der geisteswissenschaftliche Hintergrund ist dabei eine echte Passung. Die Fähigkeit, Kontexte herzustellen, Quellen zu lesen, Bedeutungen zu verstehen: das ist in diesem Feld funktional.

Wie man dahin kommt

Es gibt keinen einzigen Weg, aber es gibt erkennbare Muster.

Praktika und Projektarbeit bei Goethe-Institut, ifa oder Kulturstiftung des Bundes sind klassische Einstiegspunkte und werden ernsthafter wahrgenommen als ihr Ruf vermuten lässt. Wer dort ein Jahr arbeitet, hat danach ein Netzwerk und ein Profil.

Ein Master in Kulturmanagement oder Cultural Policy Studies ist keine Garantie für einen Job bei der UNESCO oder beim Goethe-Institut. Das muss er auch nicht sein. Wer diesen Weg geht, landet häufig im nationalen oder regionalen Kulturbetrieb: in Kulturbehörden, Stiftungen, Museen, Kulturverwaltungen, Projektbüros. Das ist kein Scheitern an einem Traum, sondern ein eigenständiges, funktionierendes Berufsfeld mit echten Karrierewegen. Der Master lohnt sich besonders dann, wenn man aus einem sehr fachspezifischen Studium kommt und den institutionellen Kontext noch nicht kennt. Mehr sollte man von ihm nicht erwarten, und das genügt auch oft.

Das Juniorexpertenprogramm des Auswärtigen Amts entsendet jährlich Nachwuchskräfte in internationale Organisationen — darunter UNESCO, EU, Europarat. Bewerbungsfristen im Herbst, Konkurrenz hoch, aber lohnenswert.

Netzwerke: ENCATC (European network on cultural management and policy), Kulturpolitische Gesellschaft, und — ganz konkret — LinkedIn mit gezieltem Folgen von Institutionen und Personen, die in diesem Feld arbeiten. Viele Stellen werden nicht ausgeschrieben, sondern über Netzwerke besetzt.

Ortsabhängigkeit

Der Ort, an dem man studiert, ist nicht entscheidend. Der Ort, an dem man sich während des Studiums bewegt, schon.

Wer in Berlin, Bonn oder Hamburg studiert, kann schon im zweiten Semester als studentische Hilfskraft beim Goethe-Institut anfangen, an einem UNESCO-Projekt mitarbeiten, bei einer Stiftungsveranstaltung helfen. Das Praktikum ist keine logistische Frage — es ist eine U-Bahn-Fahrt entfernt. Das Netzwerk kann nebenbei entstehen.

Wer in Paderborn, Jena oder Trier studiert, erlebt schon ein Vorstellungsgespräch in Hamburg als Aufwand: Fahrtkosten, Übernachtung, einen Tag weg. Das klingt klein — ist es aber nicht, wenn es sich über vier, fünf Jahre summiert. Die Provinz bereitet strukturell auf einen anderen Arbeitsmarkt vor. Nicht, weil die Menschen dort weniger gut wären, sondern weil die Gelegenheiten zur Annäherung einfach seltener sind.

Das bedeutet konkret: Wer aus der Provinz kommt und in die internationale Kulturpolitik will, muss diese Entscheidung früher treffen als andere. Nicht nach dem Studium überlegen ob man vielleicht nach Brüssel zieht, sondern im zweiten oder dritten Semester anfangen, sich aktiv zu den Knotenpunkten zu bewegen. Wer wartet, bis der Abschluss da ist, findet die Juniorpositionen besetzt. Von Leuten, die drei Jahre früher fast beiläufig, aus dem urbanen Alltag heraus angefangen haben.

Was bleibt vom Traum?

Die Rahmenbedingungen sind zweifellos schwieriger geworden. Internationale Kulturpolitik braucht stabile Budgets, offene Grenzen und den politischen Willen, in Austausch zu investieren, und an all dem wird gerade gespart, gezweifelt oder gerüttelt. Kein gutes Gefühl.

Aber es ist auch kein Grund, dieses Feld aus dem Blick zu verlieren. In Krisenzeiten hat internationale Kulturpolitik weniger Sichtbarkeit und Ressourcen, aber dennoch gibt es Menschen, die sie betreiben. Die Optionen sind weniger geworden und verändern sich, aber sie sind da.

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