Jack Clark, Mitbegründer von Anthropic und selbst Literaturwissenschaftler, hat beim Semafor World Economy Summit Argumente für die Geisteswissenschaften gebracht, über die ich nachgedacht habe. Zwei Sätze aus dem Artikel bei Business Insider:

„Was sich als nützlich erwiesen hat, ist, dass ich viel über Geschichte und über die Art von Geschichten gelernt habe, die wir uns über die Zukunft erzählen.“

„Ich denke, dass Studiengänge, die an Bedeutung gewinnen werden, solche sind, die eine Synthese aus einer Vielzahl von Fächern und analytisches Denken darüber beinhalten.“

Das ist nicht das übliche „Kultur ist wichtig“-Bekenntnis, sondern ein funktionales Argument von jemandem, der mitten in der KI-Entwicklung steht: Geschichte als Schulung im Umgang mit Zukunftserzählungen. Synthese und analytisches Denken über Fächer hinweg als das, was Bedeutung gewinnt.

Weitergedacht

Für Geisteswissenschaften klingt das erstmal nach einer positiven Einschätzung: Synthese und Fragen stellen, das ist doch unser Metier! Aber im Nachgang sind mir drei Fragen gekommen:

  • Organisiert jemand die Synthese? Wer könnte das sein?
  • Wo genau im Studiengang passiert analytisches Denken über die Fächer hinweg? Ganz konkret: In welchem Modul, welchem Format, durch welche Person/ Rolle?
  • Wer verbindet, wer moderiert, wer unterstützt beim Transfer?

Clarks Aussage kommt zu einem Moment, in der viele geisteswissenschaftliche Studiengänge schrumpfen. Auch darin liegen Möglichkeiten, wenn man sie ergreift.

Optimistische To-Do-Listen

Für Unis und Studiengänge

  • Die Zwei-Fach-Realität ernst nehmen. Die meisten Bachelorstudierenden in Deutschland haben mehr als ein Fach. Es gibt aber selten Formate, in denen diese Kombinationen zum Thema werden. Das wäre der naheliegendste Einstieg in gelebte Interdisziplinarität. Co-Teaching, gemeinsame Seminare zweier Fächer, Werkstätten mit geteilter Leitfrage, Studierende, die in Lernprojekten selbst zu Syntheseakteur:innen ermutigt werden.
  • Zuständigkeit benennen. Wer ist für die Synthese verantwortlich – mit Stelle, Budget, Zeit? Ohne Person kein Effekt.
  • Interdisziplinäre Master als Chance, nicht als Notlösung. Sinkende Studierendenzahlen können Anlass sein, ernsthaft verzahnte Master aufzubauen – mit gemeinsamer Fragestellung, geteilter Leitung, eigenem Profil. Nicht bloß Fachangebote zur Wahlpflicht nebeneinander, weil die Zahlen für Fachmaster nicht mehr reichen. Schrumpfen eröffnet Gestaltungsspielräume.
  • Evaluieren, was gelernt werden soll. Wer für Synthese- und Brückenleistungen bezahlt wird, sollte auch daran gemessen werden – nicht nur an Publikationen im engen Fachkanon.

Individuell für Absolvent:innen

  • Die eigene Fächerkombination ernst nehmen. Wer zwei Fächer studiert, hat die Synthese-Aufgabe schon vor sich. Die Frage ist, ob man das zweite Fach zur Nebenrolle abschiebt oder zum Profil macht. Für Promovierende gilt das analog: wer zwischen zwei Feldern sitzt, kann und sollte daraus eine eigene Position entwickeln. Und für die Prüfung in einem Fach durchaus anders agieren als für die Positionierung im Anwendungsfeld – zwei Welten, zwei Kategorien!
  • Synthesemomente selbst herstellen. Lesekreis, Sparringspartnerin aus einem anderen Fach, informelle Gesprächsrunde. Auf die Institution zu warten dauert zu lange.
  • Die eigene Frage prüfen. Ist das, woran ich arbeite, auch für jemanden außerhalb meines Fachs interessant? Wenn nein – warum nicht? Wenn doch – für wen genau, und wie?
  • KI als Sparringspartner für Querverbindungen nutzen. KI ist als Gesprächspartnerin wertvoller denn als nachgeordnete Kraft, an die wir Entscheidungen und Arbeit delegieren. Wir können mit der KI prüfen, ob eigene Fragen tragen, welches Potenzial in Verknüpfungen, Inter- und Transdisziplinarität liegt, wann man wie einen fachnahen oder eher einen synthetischen Weg wählen könnte, welche Nachbarfelder innerhalb und außerhalb der Uni eigentlich noch interessant wären.
  • Benennen und sichtbar machen, was man kann. Moderation, Übersetzung zwischen Disziplinen, Schreiben für breitere Öffentlichkeit – das sind Syntheseleistungen. Im Portfolio, im Lebenslauf, im Gespräch benennen. Wir können nicht erwarten, dass andere für uns definieren, wer wir sind. Und eigentlich wollen wir das auch gar nicht.

Zum Schluss

Clarks Aussage lese ich weniger als Entwarnung für die Geisteswissenschaften und mehr als Anlass, genauer hinzuschauen. Das meiste von dem, was zu tun wäre, liegt auf der Hand, doch es ist kein Selbstläufer – manches strukturell, manches individuell, und manches gerade dort, wo Studiengänge kleiner werden. Schrumpfen ist für das Selbstverständnis unserer Fächer erstmal unangenehm, aber es öffnet Gestaltungsräume und erlaubt, unsere Relevanz neu zu positionieren und zu begründen.

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