
Mich interessieren Transformationen. Wie Systeme sich verändern, welche Hebel funktionieren, welche Barrieren überwunden werden müssen. Darum war es wunderbar, bei einem Projekt mitzuwirken, das Transformation für ein System denkt, das als wirklich dickes Brett gilt: Schule.
„So geht Schule“ – das Buch haben die Unternehmer, digitalen Bildungspioniere und INU-Ehrensenatoren Marcus Diekmann und Daniel Jung initiiert, es ist im Forward Verlag erschienen, schaffte es im Januar auf die SPIEGEL-Bestseller-Liste – und ich konnte mich einbringen. Meine Perspektiven aus der Hochschulberatung und -lehre, aus der akademischen Lehre, aus meiner eigenen Bildungsbiografie. Und aus der Elternschaft: drei schulpflichtige Töchter, die mir täglich zeigen, wo das System knirscht.
Was ich von Marcus gelernt habe: Es muss positiv sein. Kein Lehrer-Bashing. Es muss Bock machen. Wir müssen es nicht endlos bewerten – wir müssen es umsetzen können. Und: „Bring Dich ein!“ Marcus‘ Einladung zur Co-Autorschaft war keine Floskel, sondern Arbeitsprinzip.
Was ich von Daniel gelernt habe: Es geht um Timing. Von „Let’s Rock Education“ zur Bildungs-Transformation. „Jedes Kind kann Mathe“ – nicht als motivationale Phrase, sondern als empirische Beobachtung. Beziehung vor Inhalt.
Im Buch geht es nicht um behutsame Integration von KI in bestehende Strukturen. Es geht um Transformation. Um die Frage, wie ein System, das für das 19. Jahrhundert gebaut wurde, fit für das 21. Jahrhundert wird. Mit KI als Hebel, aber nicht als einzigem Thema. Wir haben konsequent vom Kind aus gedacht, nicht vom Lehrplan, nicht vom Ministerium, nicht vom System, und auch nicht von der Frage aus, welche Fächer denn unbedingt in der Schule unterrichtet werden müssten. Im Zentrum stand: Was brauchen Kinder für ein glückliches und existenzsicherndes Leben 2035? Und wie kann die Schulzeit selbst eine gute Lebensphase sein? Natürlich MIT KI.
Die drei Säulen der Schultransformation
Das Buch arbeitet mit drei Säulen:
Säule 1: Rückwärts von 2035 – Was brauchen Kinder wirklich? Nicht Faktenwissen (das ist ubiquitär), sondern acht Kernkompetenzen: berufliche Flexibilität, Selbstversorgungsfähigkeit, soziale Kompetenz, KI-Souveränität, Urteilsfähigkeit, gesellschaftliche Gestaltungskraft, Glücksfähigkeit, Lernkompetenz. Diese Kompetenzen entstehen nicht durch Fächer-Lernen, sondern in echten Projekten. Und das wird sich auch auf die Grundfähigkeiten Rechnen, Lesen, Schreiben auswirken. Sie werden wichtiger als bisher, aber anders.
Säule 2: Vorwärts vom Heute – Schule als guter Lebensort. Schuljahre dürfen nicht nur Vorbereitung sein auf ein Leben danach. Sie müssen für sich selbst wertvoll sein. Gemeinschaft, die trägt. Entdeckungen, die begeistern. Herausforderungen, die stärken. Das ist keine Pädagogik-Romantik, sondern ökonomische Notwendigkeit: Kinder, die morgens mit Bauchweh zur Schule gehen, werden keine souveränen Erwachsenen.
Säule 3: MIT KI gestalten – Der neue Dreiklang. Kinder, Erwachsene und KI als gleichwertige Partner im Lernprozess. KI erklärt, übt, gibt Feedback. Erwachsene begleiten, diagnostizieren, motivieren. Kinder gestalten mit. Niemand hat alle Antworten – alle lernen voneinander.
Das Buch zeigt konkrete Umsetzungsstrategien: Learning Hubs, Learning Coaches, Portfolios, 90-Tage-Piloten.
Was bedeutet das für Hochschulen?
Nun ist die Arbeit getan, und damit öffnet sich der Raum für eine Frage, die schon während des Schreibens aufkam: Was bedeutet diese Transformationslogik für Hochschulen? Können wir einfach übertragen oder ausweiten?
Nein. Die Unterschiede zwischen Hochschulen und Schulen sind nicht trivial, selbst wenn „Bologna“ eine Verschulung des Studiums bewirkte.
Unterschied 1: Der Content ist noch nicht da
Für Schulen ist der Zugang zu Wissen nicht mehr Teil der Aufgabe. Der Content ist überall. Lehrkräfte müssen auf dem Laufenden sein und sollten ihn kuratieren, aber letztlich können Schüler:innen den Content überall herholen –Internet, Bücher, soziale Begegnungen, die Welt ist voll. Wenn sie möchten, können Zwölftklässler:innen ihre Facharbeit auf der Grundlage von 20 Philosophie-Doktorarbeiten aus 8 verschiedenen Ländern schreiben; alles verfügbar, alles maschinell auszuwerten. Lehrkräfte müssen sortieren und einschätzen helfen.
Für Hochschulen wäre es unpassend, dieselbe Annahme zu treffen.
Ja, es ist sehr viel Content da. Wenn ich ein Bachelor-Standardseminar anbiete, kann ich sicher sein, dass irgendwo – in Groningen, in Edinburgh, in Santa Barbara, in Seoul – schon ein MOOC aufgenommen wurde, der die Inhalte aufbereitet hat, auf sehr gutem Niveau und didaktisch durchdacht. Da braucht es mich nicht, ich muss nur den Link weitergeben.
Es braucht mich an der Stelle, an der der Content eben noch nicht da ist, an der wir ihn schaffen und sichern müssen. Dort, wo ich sagen muss: „Das wissen wir noch nicht“, oder: „Das ist nicht eindeutig“ oder „Aus eurozentrischer Perspektive gilt das so. Aber nun können wir andere Perspektiven hinzunehmen und an einem vollständigeren Bild arbeiten.“
Wie also gestalten wir genau diese Stelle in der Hochschullehre, an der es eben noch kein gesichertes Wissen gibt? Mit Open Access, Internationalisierung, KI?
Denn die Verführung, nur auf vorhandenes Wissen zu setzen, ist jetzt schon groß.
- Warum selbst forschen, wenn perplexity schon eine Antwort hat?
- Warum mühsam eigene Daten erheben, wenn internationale Datensätze verfügbar sind?
- Warum lokale Fragestellungen entwickeln, wenn globale Theorien existieren?
- Warum die Unsicherheit aushalten und den Gedanken ins Offene führen, wenn ich dort angreifbar werde?
Genau das ist die Aufgabe: Neue Fragen stellen. Neue Methoden entwickeln. Neue Zusammenhänge erkennen. Content produzieren, nicht nur kuratieren. Forschung und Lehre sind frei, weil sie etwas riskieren können sollen.
Das unterscheidet Hochschulen fundamental von Schulen. Es geht nicht nur darum, Studierende zu begleiten (das auch), sondern sie in die Wissensproduktion einzubinden.
Darum kann die Rolle von KI in Hochschulen nicht dieselbe sein wie in Schulen. Schulen nutzen KI als Lernwerkzeug. Hochschulen müssen KI zusätzlich als Forschungs- und Wissensproduktionswerkzeug nutzen, und sie (und ihre Nutzung) erforschen, kritisieren, regulieren helfen und weiterentwickeln.
Unterschied 2: Freiwilligkeit
Schule ist Pflicht. Hochschule ist Wahl.
Das verändert den Wettbewerbscharakter fundamental. Hochschulen müssen sich rechtfertigen:
- Wenn das Studium tatsächlich nur Content vermittelt, aber der Content frei verfügbar ist – wozu dann das Studium?
- Wozu Präsenz, die immer noch allzu häufig auf Disziplinierung setzt, wenn Online-Communities Austausch, Motivation, Zugang zu Quellen und Inhalten ermöglichen?
- Wozu drei isolierte Jahre mit Abschluss, wenn man sowieso lebenslang lernen muss?
Der Druck ist höher. Talente gehen ins Ausland, zu Privatunis, direkt in die Praxis. Hochschulen müssen eigene wertvolle Angebote machen, und zwar nicht nur Nutzenversprechen, sondern als eigene gute Zeit – oder sie verlieren weiter an Relevanz.
Unterschied 3: Bildungsökosystem statt Curriculum
Die Kernfrage, die das Buch für Schulen stellt, gilt für Hochschulen noch viel mehr: Brauchen wir das curriculare Studium noch?
Längst werden ja individuelle Curricula pilotiert. Und für einen Moment dachte mein konservatives Ich: Naja, klar brauchen wir Mindeststandards und common ground z.B. für Lehrkräfte – aber in der Praxis wird ja längst quereingestiegen und es gehen gar nicht alle durch den Flaschenhals.
Wenn Content verfügbar ist, wenn Praktika und Projekte wichtiger werden als Vorlesungen, wenn lebenslanges Lernen sowieso zum Standard wird – warum dann noch drei bis fünf Jahre in einem starren Curriculum?
Meine – noch sehr unfertige – These: Auch das Universitätsstudium muss in ein Bildungsökosystem eingebettet werden. Das curriculare Studium muss hinterfragt werden. Und wenn man sich doch dafür entscheidet, muss es mit dem Bildungsökosystem verschränkt werden.
Das wird die Unis herausfordern, organisatorisch, aber auch im Selbstbild, in den Lehrmethoden, auch im Selbstbild der Lehrenden.
Die neuen Rollen
Das Buch beschreibt für Schulen neue Rollen: Learning Coaches (1:25 Schüler:innen), Fach-Enthusiast:innen (1:200), System-Architekt:innen (1:5000), Community-Manager:innen (1:1000).
Aber wer begleitet Studierende im Bildungsökosystem? KI kann Content liefern. KI kann erklären, üben, Feedback geben. Aber wer kuratiert? Wer diagnostiziert? Wer entwickelt?
Sind die Coaches an den Unis? Oder braucht es Coaches für tertiäre/akademische Bildung außerhalb, die Uni, HAW, Praxisphasen, MOOCs, Projekte verbinden können?
Ich weiß es nicht. Aber die Frage ist zentral. Denn wenn wir das Curriculum auflösen oder verschränken, wenn wir ins Bildungsökosystem gehen, dann brauchen Studierende mehr Begleitung, nicht weniger. Orientierung wird schwieriger, nicht leichter.
Was Hochschulen von Schulen lernen können
- Transformation denken, nicht Integration. Nicht „Wie integrieren wir KI in bestehende Veranstaltungen?“, sondern „Wie sieht Hochschulbildung grundsätzlich aus, wenn KI da ist?“
- 90-Tage-Piloten statt Ewigkeits-Konzepte. Das Buch beschreibt klare Pilot-Logiken: Was testen wir? Was messen wir? Was skalieren wir? Hochschulen haben lange Entwicklungszeiten, und Lehre hat keine Priorität. 90 Tage zwingen zu Klarheit.
- Neue Rollen denken. Dozierende müssen nicht alles können. Aber wir brauchen Klarheit: Wer macht was? Forschungsbezug, Fach-Expertise, Lernprozess-Begleitung, System-Architektur, Community-Building – das sind unterschiedliche Funktionen.
- Portfolios ernst nehmen. Das Buch beschreibt Portfolios als Game-Changer: multimedial, dynamisch, vom Lernenden gesteuert. Hochschulen experimentieren seit Jahren mit E-Portfolios – aber meist als Add-on, nicht als Kern. Was, wenn das Portfolio das zentrale Dokument wird?
- Die Zeitfrage neu stellen. Warum drei Jahre Bachelor? Warum zwei Jahre Master? Warum 90-Minuten-Takte (wenn wir seit Jahren beklagen, dass die Aufmerksamkeit dafür sowieso nicht reicht)? Das Buch zeigt: Flexible Lernzeiten, modulare Lernstrukturen, variable Verweildauer sind machbar.
Was wir für Hochschulen anders denken müssen
Hochschulen sind keine großen Schulen. Sie haben Aufgaben, für die wir nicht einfach aus dem Buch transferieren können.
- KI nicht nur nutzen, sondern auch entwickeln und erforschen.
- Die Spannungen zwischen Effizienz und Originalität, schnellem und langsamem Denken, Kuratieren von Unmengen an Content und Lücken, Fragen, Unsicherheit.
- Disziplinäre Tiefe plus interdisziplinäre Breite. Das Buch argumentiert gegen Fächer-Silos, für projektbasiertes Lernen. Für Hochschulen gilt: Natürlich interdisziplinär. Und die nächste Frage dräut schon: Wozu noch Disziplinen?
Fazit: Mehr Fragen als Antworten
Ich habe keine fertigen Lösungen. Aber ich habe nach der Arbeit an diesem Buch klarere Fragen:
- Wie gestalten wir die Stelle, an der der Content noch nicht da ist, an der Lehre zur Forschung werden muss – mit KI, Internationalisierung, Open Access? Wie verhindern wir, dass in der Lehre nur noch kuratiert statt produziert wird?
- Wie sieht ein Hochschul-Bildungsökosystem aus, das curriculares Studium und freies Lernen verschränkt?
- Wer begleitet Studierende in diesem Ökosystem? Welche Rollen brauchen wir?
- Wie können Hochschulen Effizienz und Originalität verbinden?
- Was ist der einzigartige Wert von Hochschulbildung, wenn alles, was sie jetzt leistet, schneller und leichter zugänglich verfügbar ist?
Das Buch „So geht Schule“ bietet ein Transformationsmodell für Schulen. Für Hochschulen liefert es Denkanstöße, die spätestens an der Stelle auftreten, wenn wir uns fragen: Wie gehen wir mit Studierenden um, die durch diese Art von Schule gegangen sind? Ihnen wird das, was wir an vielen Stellen bieten, nicht mehr genügen.
Marcus Diekmann / Daniel Jung: So geht Schule. Bildung und Erfolg im Zeitalter von KI und ChatGPT, Paderborn: Forward Verlag, 2025
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