
In unseren Workshop zur Initiativbewerbung gestern, 6.7.26, sprachen wir über vier Positionen als Bewerber:in, die hier rasch geteilt werden:
Position 1: Ich löse ein konkretes Problem.
Ich habe recherchiert, was eine Organisation braucht. Ich sehe ein Problem, das ich lösen kann. Ich formuliere ein Angebot; keine Bewerbung, sondern einen Vorschlag. Diese Position setzt voraus, dass ich mich mit der Organisation befasst und ihren Aufbau sowie ihre Wertschöpfung verstanden habe. Dann kann ich mich selbst auch funktional beschreiben. „Ich helfe dabei, schnelle Entscheidungen unter Komplexität zu treffen.“ Dass ich auch Historikerin bin, ist ein sympathischer Bonus.
Probleme, die wir lösen können, gibt es überall. Große Unternehmen müssen seit der CSRD erstmals Nachhaltigkeitsberichte erstellen – und brauchen Leute, die komplexe Texte strukturieren können. Bürgerbeteiligungsprozesse bei Infrastrukturprojekten brauchen Moderation und Dokumentation. Stiftungen müssen nachweisen, was ihre Arbeit bewirkt. Archive und Verwaltungen digitalisieren Bestände und brauchen jemanden, der Ordnungssysteme versteht.
Position 2: Ich beschreibe eine Rolle, die es noch nicht gibt.
Avantgarde!
Ich sehe nicht ein einzelnes Problem, sondern eine Lücke in der Organisation. Eine Funktion, die fehlt, aber die noch niemand benannt hat. Wissensmanagement in einer wachsenden Firma, in der das Wissen in Köpfen steckt und nirgends dokumentiert ist. Kulturelle Übersetzung in einem internationalen Team, das aneinander vorbeiredet. Prozessbegleitung in einer Restrukturierung, die niemand moderiert und noch als fachliche Frage einschätzt.
Das ist die Position, in der Geisteswissenschaftler:innen eigentlich am stärksten sein könnten. Sie denken ständig in Rollen, Narrativen, Perspektivwechseln, nur eben nicht auf sich selbst bezogen. Die Rolle zu beschreiben reicht hier nicht, weil sie im Gespräch zunächst nachvollzogen werden muss. Es ist fast eine didaktische Frage: Man muss zeigen, dass man die Koordination übernehmen kann, nicht nur erklären, dass man es könnte.
Position 3: Ich lasse mein Fach hinter mir und verkaufe das, was gebraucht wird.
Projektmanagement. Prozessmanagement. Konfliktbearbeitung. Redaktion. Standardkurse. DAF. Datenanalyse. Ich recherchiere, welches Produkt gebraucht wird, dann biete ich es denjenigen an, die es brauchen.
Mein Fach wird Teil meiner Biografie, nicht Teil meiner Berufsidentität. Es funktioniert – aber nur im persönlichen Kontakt, kaum auf Papier. Man muss im Raum überzeugen: durch Offenheit, Neugier, analytische Schärfe, durch die Fähigkeit, andere zu begeistern, auch für derart spröde Aufgaben. Für viele fühlt sich das wie Verrat am Fach an.
Ist es nicht. Es ist eine Entscheidung und ein Weg, seine Existenz zu sichern.
Position 4: Ich bewerbe mich in den Pool und konkurriere nach Standardregeln.
Das ist die Variante, die am wenigsten Selbstkonfrontation erfordert. Man geht auf ein Karriereportal, lädt Unterlagen hoch, wartet. Es fühlt sich an wie eine Bewerbung. Es ist meistens keine.
Denn wenn man sich bei einem Konzern initiativ über das Karriereportal bewirbt, durchläuft die Bewerbung in der Regel drei Stationen.
- Upload. Generisches Anschreiben an »Sehr geehrte Damen und Herren«, weil es keinen konkreten Ansprechpartner:innen gibt. Lebenslauf, Zeugnisse.
- Automatisches Screening. Die meisten Konzerne nutzen Applicant Tracking Systems – Software, die Lebensläufe nach Keywords scannt. Sie sucht nach Berufsbezeichnungen, Zertifikaten, Branchenbegriffen. »M.A. Geschichte« matched auf nichts. Die Bewerbung wird nicht abgelehnt. Sie wird nicht gefunden. Also: Optimierung der Bewerbung auf typische Suchbegriffe hin, z.B. durch das Auswerten aktueller konkreter Ausschreibungen.
- Pool-Verweildauer. Die Bewerbung liegt drei bis zwölf Monate im System. Theoretisch können Fachabteilungen darauf zugreifen. Praktisch tun sie es selten, weil sie lieber selbst ausschreiben oder HR nach konkreten Profilen fragen.
Das Tückische daran: Die Verweildauer bietet keinen Lerneffekt. Man kann nicht besser werden, weil man nicht weiß, was geschieht. Die Pools sind eine Möglichkeit, jedoch realistisch einzuschätzen: Die Art von Stellen, die für uns passt: Koordination, PE, fachliche Referenzen, Projektsteuerung, ist eine Minderheit. Entsprechend selten ist das Matching. Aber nicht Null.
Fehlende Konvention
Wer Geisteswissenschaften studiert hat, hat sich – bewusst oder nicht – meist schon außerhalb der gängigen Konventionen gestellt. Vielleicht war man noch in der konsekutiven, anerkannten Logik: »Klar studiere ich für den Beruf, nämlich Lehrkraft.« Aber die Frage nach Initiativbewerbungen stellt sich, weil das nicht die einzige Option sein soll.
Vielleicht hat man auch das Spiel mitgespielt: »Geisteswissenschaften studiert man nicht für einen Beruf.« Aber irgendwie wäre ein Job doch ganz gut. 😊
Wir stehen oft außerhalb der Konvention, selbst diejenigen unter uns, die konservativ und geisteswissenschaftlich-nerdig sind. Das befreit. Und verunsichert. Ich habe viele erlebt, die sich wünschen, dass das Unkonventionelle doch Konvention sei. Und dazu einen Königsweg samt Wegweiser; Berechenbarkeit in einer Situation, die keine bietet.
Genau das liefert die Poolbewerbung: einen Prozess, dem man folgen kann. Portal öffnen, Felder ausfüllen, Upload, Warten. Mainstream-Regeln. Aber diese Regeln sind für Mainstream-Profile gemacht. Und wir haben keine Mainstream-Profile. Selbst wir, die wir gestern als Gruppe im Workshop waren, hatten alle unterschiedliche Profile. Wir konnten uns nicht mal über Noten vergleichen, weil sie auf verschiedene Anforderungen rekurrierten. Wie sollte da ein schnelles Verhältnis zu Standardmetriken möglich sein?
Nur Mut!
Die meisten Teilnehmer:innen auch anderer Workshops wünschen sich Position 1, könnten Position 2, verurteilen Position 3 und versuchen sich dann an Position 4. Klar, das ist ein Weg. Aber eigentlich ist das auch verschenktes Potenzial. Es lässt die Entscheidung bei einem anonymen Gegenüber. Und vermeidet die Frage: Was traue ich mir zu? Das ist jedoch die Frage, mit der Initiativbewerbungen beginnen könnten.
Der nächste Workshop zu Initiativbewerbungen findet im November statt.
