
Ein Update zum Artikel von 2012: Historiker und Banken – Brotgelehrte)
Hinweis zur Datenbasis und zum Stil: Die folgenden Einschätzungen basieren auf Marktbeobachtungen, Netzwerkerfahrungen und Einzelbeispielen. Systematische Studien zur Beschäftigung von Historiker:innen im Finanzsektor fehlen bislang. Die genannten Beispiele und Gehaltsangaben sind Richtwerte aus der Praxis, keine statistisch abgesicherten Daten. – Bei Brotgelehrte sind wir gerade sehr ausgelastet. Wir wollten Euch aber das Update nicht vorenthalten. Darum haben wir entschieden: Es gehen auch mal nur Listen; wichtig ist heute der Nutzwert.
Begrenzte, aber vorhandene Chancen
Dreizehn Jahre nach Jürgen Fitschens Ankündigung, die Deutsche Bank wolle ihre Vergangenheit „abarbeiten“, hat sich für Historiker:innen in der Finanzbranche einiges verändert – allerdings nicht so dramatisch, wie man hoffen könnte. Der Arbeitsmarkt bietet weiterhin einzelne, teils gut bezahlte Positionen, aber keine Massenbeschäftigung. Was sich gewandelt hat, sind die erforderlichen Zusatzqualifikationen und die Art der Tätigkeiten.
Traditionelle Banken: Die etablierten Arbeitgeber
Unternehmensarchive und historische Institute
Das Historische Institut der Deutschen Bank ist seit 1961 das älteste professionelle Unternehmensarchiv in der deutschen Finanzwirtschaft. Unter der Leitung von Martin L. Müller (seit über 30 Jahren) verwaltet es ca. 6.000 Regalmeter Akten zur Bankgeschichte vom 19. bis zum 20. Jahrhundert. Das 2019 als nationales Kulturgut anerkannte Archiv bietet:
- Digitalisierung historischer Bestände
- Erstellung von Publikationen und Forschungsarbeiten
- Unterstützung bei Compliance-Anfragen mit historischem Bezug
- Praktikumsplätze für Nachwuchshistoriker:innen
Ähnliche Strukturen finden sich bei anderen Großbanken: Die Commerzbank und BNP Paribas beschäftigen ebenfalls Historiker:innen in ihren Archivabteilungen für die Aufbereitung von Chroniken und die Pflege der Unternehmensgeschichte.
Die Stiftung GIZ der Genossenschaftsbanken vernetzt weiterhin Archive und fördert Forschungsprojekte. Das Historische Archiv der Deutschen Bundesbank fungiert als Zentralarchiv mit geregeltem Zugang für wissenschaftliche Forschung.
Bei den Sparkassen zeigen sich praktische Anwendungen: Die Sparkasse KölnBonn etwa nutzt Historiker:innen für die Aufbereitung ihrer Regionalgeschichte in Social Media und für historische Stadtführungen – meist jedoch im Rahmen von Marketing/PR-Stellen mit historischem Schwerpunkt.
Wie Stellen wirklich besetzt werden
Selten ausgeschrieben werden:
- Positionen in Unternehmensarchiven (meist interne Besetzung oder über Netzwerke)
- Stellen für Jubiläumsprojekte (direkte Ansprache über Empfehlungen)
- Spezialisierte Historiker:innen-Positionen (Vitamin B und Praktikumskontakte)
Was tatsächlich in Stellenbörsen erscheint:
- Junior-Positionen im Marketing/PR mit Formulierungen wie „Affinität zu Geschichte von Vorteil“
- Trainee-Programme großer Banken, bei denen Historiker:innen sich bewerben können
- Werkstudent:innen-Stellen in Archiven oder Kommunikationsabteilungen
- Allgemeine Stellen wie „Content Manager“ oder „Projektassistenz“, bei denen historische Expertise ein Plus ist, aber nicht explizit gefordert wird
Die versteckte Stellenvergabe: Die meisten spezialisierten Positionen für Historiker:innen entstehen durch:
- Umwandlung von Praktika in feste Stellen
- Persönliche Empfehlungen von Professor:innen
- Netzwerke aus Tagungen und Arbeitskreisen
- Initiativbewerbungen nach persönlichen Kontakten
- Interne Umstrukturierungen, bei denen plötzlich „jemand mit historischem Background“ gesucht wird
Fintech und Digitalbanken: Leichte Enttäuschung
Die Hoffnung, dass Fintech-Unternehmen wie N26 oder Trade Republic eigene Historiker:innen beschäftigen würden, hat sich nicht erfüllt. Die wenigen historischen Projekte werden meist extern vergeben oder von Marketing-Teams nebenbei betreut.
Was es gibt:
- Corporate Communications Positionen mit historischem Anteil
- Regulatory Reporting mit Dokumentation der Firmengeschichte
- Projektbasierte Mitarbeit bei Investor Relations Präsentationen
- Content Creation mit historischem Bezug für Blogs und Social Media
Was es nicht / nur in Einzelfällen gibt:
- Feste Stellen als „Company Historian“ bei Fintechs
- „Protocol Historians“ bei Krypto-Börsen (vereinzelte Ankündigungen wie bei der Ethereum Foundation bleiben Ausnahmen)
- Spezielle Teams für Fintech-Geschichte
Die Krypto- und Blockchain-Branche vergibt gelegentlich projektbezogene Arbeiten für historische Analysen oder Dokumentationen, meist über externe Expert:innen oder Freelancer in Compliance- oder Bildungsabteilungen.
ESG und Compliance: Wachsende Nische mit Vorbehalt
Mit verschärften ESG-Anforderungen und regulatorischen Entwicklungen entsteht tatsächlich Bedarf an historischer Aufarbeitung:
Konkrete Tätigkeitsfelder:
- Recherche zu kolonialen Verflechtungen (meist projektbasiert)
- Dokumentation historischer Nachhaltigkeitsbemühungen für ESG-Berichte
- Entwicklung regulatorischer Rahmenbedingungen dokumentieren (EU-Regulierung, Geldwäschebekämpfung)
- Interne Monitoring- und Reporting-Tools mit historischer Analyse entwickeln
Allerdings – diese Aufgaben werden selten von fest angestellten Historiker:innen erledigt, sondern meist von:
- Compliance-Abteilungen mit juristischem Personal
- Externen Beratungsfirmen
- Historiker:innen auf Werkvertragsbasis
Einzelne Institute entwickeln interne Tools mit historischer Komponente, aber die BaFin hat keine eigene „Historical Pattern Analysis“-Abteilung – solche spezialisierten Stellen bleiben Zukunftsvisionen.
Digitalisierung: Chance mit technischen Hürden
Die Digitalisierung von Bankarchiven schreitet voran, aber:
- Technische Dienstleister übernehmen den Großteil der praktischen Digitalisierung
- IT-Spezialist:innen entwickeln die Datenbanksysteme
- Historiker:innen mit Digital Humanities-Kenntnissen haben bessere Chancen, sind aber meist nur beratend tätig
Gefragte Kompetenzen sind:
- Grundkenntnisse in Datenbanken und Metadatenstandards
- Erfahrung mit OCR und Transkriptionssoftware
- Projektmanagement-Fähigkeiten
Qualifikationen und Anforderungen
Basisqualifikationen:
- Solides geschichtswissenschaftliches Studium
- Schwerpunkt Wirtschafts-, Unternehmens- oder Zeitgeschichte
- Sehr gute Recherchefähigkeiten
- Exzellente Schreibkompetenzen
Zusatzqualifikationen, die die Chancen erhöhen:
- Digital Humanities: Praktische Erfahrung, nicht unbedingt ein Masterstudium, bei dem die Hälfte der Kurse irgendwie aufgefüllt wurde
- Grundkenntnisse Compliance: MiFID II, DSGVO (Online-Kurse reichen oft)
- Datenanalyse: Excel-Expertenkenntnisse sind wichtiger als Python
- Sprachen: Englisch ist Pflicht, weitere Sprachen sind projektabhängig gefragt.
Konkrete Einstiegsstrategien
Der realistische Weg:
- Praktikum in einem Bankarchiv oder historischen Institut (oft ist es der einzige Weg hinein, weil sich daraus Übergänge entwickeln lassen!)
- Masterarbeit mit Bezug zur Finanzgeschichte (idealerweise in Kooperation mit einer Bank, nicht im stillen Kämmerlein)
- Netzwerkaufbau über Tagungen und Arbeitskreise – ESSENTIELL, da für die meisten Jobs hier gescoutet wird
- Persönliche Kontakte zu Professor:innen pflegen, die Verbindungen zur Finanzwelt haben (–> Wirtschaftsgeschichte)
- Initiativbewerbungen nach Konferenzen oder Vorträgen (nicht blind – mit Vorgeschichte!)
- Spezialisierung auf eine Nische (z.B. Regionalbankengeschichte, DDR-Finanzwesen)
Wichtig: Die meisten Historiker:innen-Stellen in Banken werden nicht öffentlich ausgeschrieben. Ohne Netzwerk und persönliche Kontakte sind die Chancen minimal.
Alternativen:
- Quereinstieg über Kommunikation/Marketing mit historischem Schwerpunkt
- Promotion mit Industriestipendium einer Bank
- Beratungstätigkeit nach mehrjähriger Forschungserfahrung
Netzwerke
- Gesellschaft für Unternehmensgeschichte: Arbeitskreis Bank- und Versicherungsgeschichte mit über 100 Mitgliedern
- Historisches Archiv der Deutschen Bundesbank: Forschungsmöglichkeiten mit geregeltem Zugang
- European Association for Banking and Financial History: Konferenzen, Netzwerk und Summer Schools
Ethische Grauzonen bleiben
Die Spannung zwischen wissenschaftlicher Unabhängigkeit und institutioneller Einbindung besteht fort. Historiker:innen in Banken müssen damit rechnen:
- dass kritische Forschungsergebnisse nicht immer erwünscht sind,
- dass sie primär die Unternehmenskommunikation unterstützen,
- dass „Geschichtsmarketing“ oft vor Grundlagenforschung kommt.
Zukunftsausblick: Vorsichtig optimistisch
Neue Entwicklungen, die Chancen bieten könnten:
- KI-gestützte Archiverschließung: Historiker:innen als Qualitätskontrolle
- Podcast- und Video-Content: Historische Expertise für neue Medienformate
- Regulatorische Verschärfungen: Mehr Bedarf an historischer Dokumentation
Fazit: Realismus statt Euphorie
Der Arbeitsmarkt für Historiker:innen im Finanzbereich bietet 2025 durchaus Chancen – aber es sind Nischenchancen, die Zusatzqualifikationen, Flexibilität und oft auch Kompromissbereitschaft erfordern. Belegbare Kontinuität zeigt sich vor allem bei etablierten Instituten wie dem Historischen Institut der Deutschen Bank oder dem Historischen Archiv der Bundesbank. Diese bieten stabile, wenngleich begrenzte Beschäftigungsmöglichkeiten.
Neue Wege entstehen verstärkt im Bereich der digitalen Kommunikation und Compliance-Dokumentation. Wer klassische Ausschreibungen oder eine klassische Historiker:innen-Karriere in einer Bank erwartet, wird enttäuscht. Wer bereit ist, historische Kompetenzen mit digitalen Fähigkeiten und unternehmerischem Denken zu verbinden, kann interessante Projekte finden und ein solides Einkommen erreichen.
Die Frage sollte darum aus unserer Perspektive nicht lauten: „Wie werde ich Bankhistoriker:in?“, sondern: „Wie kann ich meine historischen Kompetenzen gewinnbringend in der Finanzwelt einsetzen?“ Der Unterschied mag subtil klingen, ist aber entscheidend für realistische Karriereplanung.
