
Es gibt ja so Tage, da fühlt man sich bereit für mal was ganz anderes. Ausbrechen, den Laden hinschmeißen, neu anfangen. Irgendwo in Portugal oder der Provence, in einem alten Haus mit dicken Mauern und einem Garten, Gäste empfangen, Frühstück machen, Gespräche führen. Selbst entscheiden, wann man öffnet und wann nicht. Das eigene Wissen über Literatur, Geschichte, Architektur, Kunst endlich irgendwo einbringen, wo es resoniert — nicht in einem Seminar, nicht in einer Fußnote, sondern im echten Leben, mit echten Menschen, an einem echten Ort.
Der Traum hat Vorlagen
Dieser Traum ist nicht neu; Robinsonade, Rousseau, Walden, Monte Verità, die Lebensreformbewegung, Gemeinschaften aus Intellektuellen, Künstler:innen, Akademiker:innen, die kollektiv aussteigen und neu bauen wollten. Auch literarische Vorbilder sind uns vertraut. Peter Mayle hat 1989 mit A Year in Provence das Genre Expat-Memoir erfunden. Ein englischer Werbetexter kauft ein marodes Haus in der Provence, renoviert es mit unzuverlässigen Handwerkern, isst außerordentlich gut und beobachtet seine Nachbarn mit einer Mischung aus Zuneigung und britischer Distanz. Das Buch war ein weltweiter Bestseller — und hat die Provence seitdem mit einer bestimmten Art von Träumern geflutet, was Mayle selbst irgendwann dazu brachte, weiterzuziehen.
Frances Mayes hat 1996 mit Under the Tuscan Sun die weibliche, intellektuellere Variante geschrieben. Mayes war Professorin für Kreatives Schreiben — ein Detail, das im Buch fast beiläufig bleibt, aber alles erklärt. Sie renoviert ein Haus in der Toskana, pflanzt, kocht, schreibt. Das Buch ist nicht Abschied vom Denken, sondern Denken in einer anderen Umgebung. Das Haus wird zur Bedingung des Schreibens.
Eine dritte Variante stammt von Chris Stewart: Driving Over Lemons (1999). Andalusien, Schafsfarm, körperliche Arbeit, Radikalität. Stewart war Gründungsmitglied von Genesis — verließ die Band aber schon vor deren Durchbruch, was seinen späteren Ausstieg in die spanische Provinz noch konsequenter macht.
Alle drei Bücher haben gemeinsam: Sie erzählen vom Verlassen eines Lebens, das funktionierte, aber nicht stimmte. Vom Ankommen in einem Ort, der zunächst fremd ist und dann — langsam, mit Rückschlägen — zum eigenen wird. Und von der Entdeckung, dass das eigene Wissen, die eigene Art zu sehen, dort plötzlich gefragt ist — von Gästen, Nachbarn, der Landschaft selbst.
Was sie nicht erzählen: die Steuererklärung auf Französisch. Die Nacht, in der die Heizung ausfällt und drei Zimmer belegt sind. Den Moment, in dem man merkt, dass man ein Dienstleister ist — auch wenn man das nie so nennen würde.
Trotzdem nette Bücher – und trotzdem ein schöner Traum.
Warum gerade Geisteswissenschaftlerinnen diesen Traum träumen
In meiner Wahrnehmung ist der Traum vom BnB im Ausland das Gegenteil von allem, was frustriert: kein System, das einen nicht wertschätzt. Keine Förderinstrumente, die vorgeben, welche Themen und Fragestellungen „relevant“ sind und finanziert werden. Keine Konferenz, auf der dieselben Leute dieselben Dinge sagen und sich gegenseitig „spannend“ finden. Stattdessen: Ein Ort, den man selbst gestaltet hat, ohne Antrag, ohne Begutachtung. Unmittelbare Wirksamkeit, mit jedem Frühstück und jedem Bettbezug. Ein Ort für das eigene Wissen und die eigene Art, zu denken und die Welt zu sehen.
Gar nicht naiv. Eine sehr präzise Diagnose dessen, was „im System“ fehlt.
Drei Wünsche in einem
Wer genauer hinschaut, entdeckt, dass dieser Traum eigentlich aus drei verschiedenen Wünschen besteht — und dass es sich lohnt, sie auseinanderzuhalten.
Der erste Wunsch ist der nach Selbstbestimmung. Nicht mehr in einem System funktionieren, das andere gebaut haben. Eigene Regeln, eigener Rhythmus, eigene Entscheidungen. Er ist vollkommen legitim.
Der zweite Wunsch ist der nach Erfahrung. Jahrelang hat man gelernt, wie man über Dinge nachdenkt. Jetzt will man anwenden. Ein Haus renovieren. Gäste willkommen heißen. Eine Region verstehen und erklären können. Das Wissen nicht mehr in Texte verwandeln, sondern in Leben übersetzen.
Der dritte Wunsch ist der nach einem anderen System. Nicht nur einem anderen Job, sondern einer anderen Logik. Keine Selbstoptimierung für abhängige Erwerbsarbeit in Hierarchien. Kein Skalierung, smarten Ziele, Meetings. Mehr Rhythmus, mehr Bewegung, mehr Sinn.
Wirklich: ein BnB im Ausland
Wir können den Traum also in zwei Tiefen lesen, und beginnen mit der Umsetzung: Was ist nötig, um wirklich ein BnB im Ausland zu betreiben?
Unternehmerisches Denken: Ein BnB im Ausland ist kein Job, sondern ein Geschäft. Und dazu gehören die unternehmerischen Grundkompetenzen von betriebswirtschaftlicher Organisation bis zu Außenauftritt, USP und Sichtbarkeit.
Ein Haus. Entweder kaufen oder langfristig mieten. In vielen Ländern — Portugal, Griechenland, Süditalien, Teilen Frankreichs — sind Immobilienpreise außerhalb der Städte noch realistisch. Aber „realistisch“ bedeutet trotzdem: Eigenkapital, Kredit oder beides. Wer kein Kapital hat, braucht einen anderen Weg hinein — etwa als Pächter:in eines bestehenden Betriebs, als Mitbetreiber:in, oder über einen Einstieg in ein laufendes Projekt.
Ein Aufenthaltsstatus. Innerhalb der EU ist das unkompliziert. Außerhalb — Marokko, Türkei, Georgien, die gerade bei Aussteiger:innen beliebt sind — braucht es Vorbereitung, Geduld und manchmal einen Anwalt bzw. eine kompetente, vertrauenswürdige Person am Ort.
Ein Geschäftsmodell. Wie viele Zimmer? Wie viele Gäste pro Jahr? Was kostet der Betrieb? Was bleibt übrig? Die meisten kleinen BnBs in Südeuropa finanzieren ein Leben, das günstiger ist als das bisherige. Das ist ein Modell. Aber es setzt voraus, dass man seine deutschen Selbstverständlichkeiten und erwartbaren elterlichen Sorgen — Altersvorsorge, Krankenversicherung, Rücklagen — vorher durchgerechnet hat.
Eine Entscheidung über den Absprung. Das ist die eigentliche Hürde. Nicht das Haus, nicht das Geld, nicht der Aufenthaltsstatus. Sondern die Frage: Wann ist der richtige Moment?
Ich würde sagen: Es ist der Moment, in dem die Kosten des Verharrens höher sind als die Risiken des Versuchs.
Konkret anfangen
Wenn der Traum sich nicht ignorieren lässt, gibt es Schritte die nichts kosten außer Zeit — und die sehr schnell klären, ob es Fantasie oder Vorhaben ist. Ein Monat als Gast in einer Region, die man ins Auge gefasst hat — nicht als Touristin, sondern als jemand, die schaut. Lokale Immobilienpreise checken. Mit Leuten reden, die das gemacht haben. Einen Sommer lang helfen in einem bestehenden BnB — viele kleine Betriebe in Südeuropa suchen saisonale Unterstützung, manchmal gegen Unterkunft und Verpflegung. Feldforschung.
Einen Monat lang täglich einen Punkt recherchieren, durchrechnen, durchdenken. Immobilienpreise. Aufenthalts- und Grunderwerbsrecht für Deutsche in diesem Land. Durchschnittliche Betriebskosten eines kleinen BnB. Was eine Saison wirklich einbringt. Wann es für eine bescheidene Existenz reicht.
Eine Nacht in einem kleinen, inhabergeführten BnB buchen — und die Gastgeberin befragen. Die meisten Menschen, die diesen Schritt gemacht haben, reden gerne darüber. Was war der härteste Moment? Was hat sie überrascht? Was würden sie anders machen?
Workaway oder HelpX für einen Sommer. Wer wissen will wie es sich anfühlt, in einem Gästehaus zu arbeiten, ohne es zu besitzen, kann das testen. Beide Plattformen vermitteln Unterkünfte gegen Mitarbeit, oft genau in den kleinen Betrieben, die dem Traumtyp entsprechen.
Die eigene Schmerzgrenze bestimmen. Was wäre das absolute Minimum, das man bräuchte um den Sprung zu wagen? Welche Summe müsste auf dem Konto sein? Welche Absicherung müsste stehen?
Und wer den Immobilienteil ernst nimmt: Kyero für Spanien und Portugal, Rightmove Overseas (GB, Spanien, Frankreich, Portugal) für einen breiten europäischen Überblick — nicht zum Kaufen, sondern zum Verstehen, was realistisch ist.
Traumtransfer
Die zweite Lesart des Traums ist: Was, wenn wir ihn nicht umsetzen, aber er uns trotzdem nährt? Weil das Leben komplex ist, weil der richtige Moment sich immer wieder verschiebt?
- Dann zeigt der Traum uns, was fehlt, und wir können fragen: Wo finden wir das, wenn nicht nur in einem BnB im Ausland?
Selbstbestimmung: Wo in meinem jetzigen Leben sieht es gut aus, und wo möchte ich sie für mich ausbauen? - Anwendung: Wo kann ich mein Wissen wirklich einbringen? Und halte ich es aus, dass das innerhalb der Uni möglicherweise als Statusverlust gewertet wird?
- Systemkritik: Welche Systembestandteile sind wirklich unveränderlich – und welche habe ich einfach nur nie in Frage gestellt oder die Herausforderung vermieden?
Der Traum vom BnB in Portugal, in der Provance oder auf Bali ist manchmal ein Traum. Und manchmal ist er ein Kompass.
Es gibt Menschen, die den Traum wahrgemacht haben. Die ihr Haus in Bonn verkauft haben und heute in der Ardèche Frühstück zubereiten, oder in der Alentejo Gäste empfangen, die über Kork und Korkeichen Bescheid wissen wollen, oder die eine alte Mühle in der Schweiz restauriert haben und in der Restauration ihre eigentliche berufliche Bestimmung fanden.
Wenn ich sie erzählen höre, erzählen sie nicht vom „richtigen Moment“ – eher: Es passt sowieso nie. Sie erzählen durchaus von bürokratischen Verrücktheiten, von nervenaufreibenden Gästen, von neuen Systemzwängen. Aber sie eint, dass sie zufrieden sind, diese Geschichten zu erzählen, und sich nicht zurücksehnen in den Status davor.
Dieser Traum gehört zu den Entlastungsträumen, zweifellos. Aber auch zu den Träumen, die man wirklich leben kann.
