! Dieser Text behandelt u.a. institutionelle Vertuschung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Hilfsangebote für Betroffene finden sich z.B. bei der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (ubskm.de – Website der Missbrauchsbeauftragten: beauftragte-missbrauch.de).

Der Anlass für den heutigen Blogbeitrag liegt vor meiner Haustür. 489 Menschen haben im Erzbistum Paderborn zwischen 1941 und 2002 sexuelle Gewalt durch Kleriker erfahren — und die meisten von ihnen haben jahrzehntelang geschwiegen, nicht weil sie nichts zu sagen gehabt hätten, sondern weil es niemanden gab, dem sie es hätten sagen können. Keine Ansprechperson in der Gemeinde, keine in der Familie, keine in der Kirche. Die Zahl 489 ist dabei mit Sicherheit zu niedrig. Das Dunkelfeld, darauf weisen Prof. Dr. Nicole Priesching und Dr. Christine Hartig von der Universität Paderborn ausdrücklich hin, ist als erheblich größer anzunehmen. Zur Studie: MBS-Volltext.pdf, zur Pressemeldung: „Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941–2002)“ – Stabsstelle Presse, Kommunikation und Marketing | Universität Paderborn

Was die Paderborn-Studie besonders instruktiv macht, ist nicht nur der quantitative Befund, sondern die Beschreibung der dahinterliegenden Struktur. Vertuschung in Organisationen und deren Umfeld funktioniert selten als punktuelle Verschwörung, sondern als Spirale: Wer einmal weggeschaut hat, hat ein Interesse daran, dass auch weiterhin weggeschaut wird. Wer einen Täter versetzt oder verteidigt, statt ihn zu melden, schützt fortan nicht mehr nur den Täter, sondern auch sich selbst und die eigenen Entscheidungen. Diese Dynamik ist sozialwissenschaftlich gut beschrieben — in Organisationssoziologie, in der Forschung zu institutionellem Versagen, in der Psychologie des Kollektivschweigens — und sie erklärt, warum Aufarbeitung so selten von innen kommt: weil die Organisation, die aufarbeiten soll, dieselbe ist, die ein strukturelles Interesse daran hat, es nicht zu tun.

Ich weiß nicht, wie es Euch beim Lesen geht. Vielleicht ist es Ohnmacht, vielleicht Traurigkeit, vielleicht etwas anderes, und vielleicht – wie bei mir – Wut — wie es bei Ungerechtigkeiten eben so ist. Aber Wut allein ist kein Programm; und was mich beschäftigt, ist Klarheit über verteilte Rollen. Jurist:innen können Klagen führen. Politik kann regulieren. Betroffenenverbände können Druck erzeugen. Und wer historisch und sozialwissenschaftlich ausgebildet ist, kann Strukturen analysieren, Macht sichtbar machen, Narrative verschieben. Sie schaffen die Bedingungen, unter denen die anderen Interventionen möglich oder zumindest gut begründet werden. Grundlagenarbeit.

Und damit ist es eben auch eine Option beruflichen Handelns.

Aufarbeitung als Beruf

In Brotgelehrte Bd. 1 habe ich ein Kapitel der Frage gewidmet, welche Berufe und Tätigkeiten mit der Aufarbeitung von Diktaturen verbunden sind. Ausgangspunkt war die Zeitgeschichte: Gedenkstätten, NS-Forschung, die Stasi-Unterlagen-Behörde, Institutionen wie die Havemann-Gesellschaft oder Arolsen Archives. Also Orte, an denen das Berufsfeld „Aufarbeitung“ auch in Stellenausschreibungen sichtbar wird.

Das Wort „Aufarbeitung“ ist eigentümlich schillernd. Es klingt handwerklich — etwas, das man aufarbeitet wie altes Mobiliar — und meint doch einen gesellschaftlichen Prozess, der nie wirklich abgeschlossen ist. Und diese jeweiligen Prozesse entstehen nicht von selbst. Sie brauchen Menschen, die forschen, dokumentieren, befragen, einordnen, veröffentlichen, streiten, erinnern. Und sie brauchen gesellschaftliche Bedingungen, unter denen das möglich ist — also: Institutionen, die Forschung ermöglichen, Verlage, die publizieren, Medien, die berichten, und Betroffene, die gehört werden und sich selbst überliefern können.

„Aufarbeitung“ ist nicht nur eine Berufstätigkeit. Sie ist ein Modus.

Institutionelle Expansion

Als ich 2016 schrieb, war die systematische kirchliche Aufarbeitung in Deutschland noch ein Randthema. Die große MHG-Studie erschien 2018. Seitdem haben zahlreiche Diözesen eigene Untersuchungen in Auftrag gegeben — mal bei Anwaltskanzleien (Köln, München, Berlin), mal, wie im Fall Paderborn, bei kirchenhistorisch ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen mit garantiertem Aktenzugang und wissenschaftlicher Unabhängigkeit. Das ist ein erheblicher Unterschied, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht.

Denn die Frage, wer Aufarbeitung betreibt und wie, ist nicht neutral. Das hat man auch im Bereich der Aufarbeitung durch Unternehmen gelernt: Als Ikea in den frühen 2010er-Jahren den Vorwurf ausräumen wollte, politische Gefangene in der DDR für die Möbelproduktion ausgebeutet zu haben, beauftragte das Unternehmen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die ihrerseits ein Team aus Historiker:innen und Ermittlungsexperten einspannte. Das Ergebnis bestätigte die Vorwürfe gegen Ikea. Aber das Verfahren stand sofort in der Kritik: Die betroffenen Opferverbände waren nicht einbezogen worden, die Intention der Studie wurde hinterfragt.

Das zeigt, dass wir mitten in der Frage sind, wer überhaupt das Mandat hat, Geschichte zu beforschen und Geschichte zu erzählen.
Und unter Job-Aspekten zeigt es, dass wir auch jenseits des „engen“ institutionellen Rahmens mit Hauptauftrag Aufarbeitung nach Arbeitsmöglichkeiten suchen können.

Was das für die Jobsuche bedeutet

Wenn ich mit Geisteswissenschaftler:innen über Berufsperspektiven spreche, stoße ich immer wieder auf dasselbe Muster: Die meisten sind inhaltlich motiviert. Sie haben eine Leidenschaft — für Geschichte, für Gerechtigkeit, für das Verstehen von gesellschaftlichen Prozessen, für Literatur usw. —, aber sie können es nicht berufsstrategisch übersetzen. Die einschlägigen Institutionen sind bekannt (Gedenkstätten, Stiftungen, Archive), die angemessenen Stellen rar, die Wege lang. Und so bleibt das Motiv — z.B. „Ich möchte etwas zu historischer Gerechtigkeit beitragen“ — entkoppelt von der praktischen Frage, womit man seinen Lebensunterhalt verdient.

Das Paderborn-Beispiel zeigt, dass viele verschiedene Akteure an Aufarbeitung beteiligt sind — und dass viele verschiedene Kompetenzen gebraucht werden: Zwei Kirchenhistorikerinnen haben sechs Jahre lang Akten gelesen und Zeitzeugen befragt. Sie haben wissenschaftliche Standards angewandt, sind mit institutioneller Macht umgegangen, haben Ergebnisse formuliert.

Gleichzeitig gibt es ein Aktionsbündnis, das demonstriert und das Mahnmal im Paderborner Dom als „bloße Symbolpolitik“ kritisiert. Das sind Menschen, die öffentlichen Druck erzeugen, Diskurse öffnen, Betroffene organisieren. Das ist zwar keine Forschung, aber es ist auch Aufarbeitungsarbeit.

Es gibt die Betroffenenvertretung, die eigene Untersuchungen führt, Vorwürfe sammelt, mit Medien spricht. Das ist kuratierte Selbstüberlieferung — Betroffene, die nicht länger darauf warten, dass andere ihre Geschichte erzählen.

Es gibt Journalist:innen, die die Studie einordnen, kontextualisieren, die Unterschiede zwischen dieser und früheren Studien herausarbeiten.

Und es gibt Verlage, die solche Studien publizieren, Kurator:innen, die Gedenkkultur gestalten, Bildungseinrichtungen, die mit den Ergebnissen in Schulen und Gemeinden weiterarbeiten.

Kein einziger dieser Beiträge ist dasselbe wie „Gedenkstättenpädagogin“ oder „wiss. Mitarbeiterin der Stiftung Aufarbeitung“. Aber alle zusammen bilden ein Arbeitsfeld rund um Aufarbeitung.

Aufarbeitung als Motiv, nicht als Stellenanzeige

Ich habe vor 10 Jahren geschrieben, dass eine dauerhafte Tätigkeit in der Aufarbeitung von Diktaturen von mir vermutlich persönliches Engagement und Empathie erfordern würde, aber keine methodische Standhaftigkeit garantieren könnte, dass ich meine Professionalität täglich neu erkämpfen müsste. Das gilt für die Kirchen-Aufarbeitung genauso. Der Kontakt mit den Berichten von Missbrauchsopfern, das Lesen von Akten, in denen Täter gezielt versetzt und Opfer systematisch zum Schweigen gebracht wurden — all das hinterlässt Spuren. Wer langfristig in diesem Bereich arbeiten will, braucht nicht nur Methode, sondern auch individuelle Schutzkonzepte.

Aber man muss nicht täglich in direktem Kontakt mit diesen Inhalten stehen, um zu historischer Gerechtigkeit beizutragen. Die Frage muss nicht sein: „Bin ich stark genug für Gedenkstättenarbeit?“ Die Frage kann auch sein: „Wo in diesem Ökosystem der Aufarbeitung kann ich sinnvoll und nachhaltig tätig sein?“

Verlegerische Arbeit, die Stimmen von Betroffenen publiziert — auch wenn sie nicht akademisch ist —, ist Aufarbeitung. Ein Podcast, der Oral-History-Interviews zugänglich macht, ist Aufarbeitung. Eine Ausstellung, die nicht im großen Museum hängt, sondern im Gemeindezentrum, ist Aufarbeitung. Ein Onlineportal, das Dokumentation zusammenführt und zugänglich macht, ist Aufarbeitung. Systematische Selbstüberlieferung und Gegenerzählung gehört zur Aufarbeitung. Und ja: auch das Schreiben über diese Themen, das Einordnen, das öffentliche Benennen von dem, was war, ist Aufarbeitung.

Es ist nicht nur Paderborn

Die Studie zum Erzbistum Paderborn ist eine von vielen. Köln, München, Berlin, Essen — überall laufen ähnliche Prozesse, in unterschiedlichen Stadien, mit unterschiedlicher Qualität. Und die katholische Kirche ist nur eine der Institutionen, die gerade unter Druck steht. Sportverbände, Unternehmen, Universitäten, staatliche Behörden, Wohlfahrtsorganisationen — das Bewusstsein, dass institutioneller Missbrauch und systematisches Schweigen historisch aufgearbeitet werden müssen, wächst.

Das bedeutet: Der gesellschaftliche Bedarf an Menschen, die das können und wollen, wächst ebenfalls. Es werden keine tausend Stellen ausgeschrieben. Es gibt auch nicht die unsichtbare Gießkanne, die das Geld für Aufarbeitungsprojekte ungefragt auf uns niederregnen lässt und wir nur noch beginnen müssen. Aber wir können durchaus Projekte, Forschungsaufträge, Publikationsvorhaben, Gedenkformate, Beratungsbedarfe anregen, initiieren und starten. Und wer sich jetzt positioniert — mit Kompetenz, mit Haltung, mit einer Idee davon, welchen Beitrag sie oder er leisten will —, ist nicht zu spät dran.

Links

Stellenanzeigen im Gedenkstättenbereich: gedenkstaettenforum.de/nc/stellenangebote

  • Freiwilligendienst mit Bezug zu Erinnerungskultur: asf-ev.de (Aktion Sühnezeichen Friedensdienste)
  • Praktika und Stellen zur DDR-Aufarbeitung: bundesstiftung-aufarbeitung.de
  • Archiv der DDR-Opposition, Praktika und Mitarbeit: havemann-gesellschaft.de
  • Kirchliche Missbrauchsaufarbeitung, Überblick Bistumsstudien: dbk.de (Deutsche Bischofskonferenz, Stichwort Prävention/Aufarbeitung)
  • Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, auch mit Hinweisen zu Forschung und Engagement: ubskm.de
  • Die Paderborner Studie im Volltext: über uni-paderborn.de

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Nachsatz

Es gibt eine Frage, die mich nicht losgelassen hat, und die ich nicht beantworten kann.

Stell dir vor, eine Organisation — bundesweit tätig, strukturell komplex, mit erheblichem gesellschaftlichem Einfluss — wird über Jahrzehnte nachweislich dafür verantwortlich gemacht, dass ihre Führungsebene systematisch Missbrauch an Minderjährigen ermöglicht, gedeckt und Täter aktiv geschützt hat. Die Studie liegt vor. Die Zahlen sind erdrückend. Die institutionelle Logik des Vertuschens ist rekonstruiert und dokumentiert.

Was würden wir normenlogisch erwarten?

Entzug staatlicher Förderung, mindestens als Druckmittel. Ernsthafte Debatten über staatliche Aufsicht oder Auflagen. Haftungsfragen, die nicht nur moralisch und (symbol)kommunikativ, sondern juristisch und finanziell gestellt werden. Möglicherweise Strukturreformen als Bedingung für weiteren gesellschaftlichen Vertrauensvorschuss. In extremen Fällen: Verbotsverfahren, oder wenigstens die öffentliche Diskussion darüber.

Ich glaube natürlich nicht, dass das passieren wird. Ich weiß auch nicht, ob es bei vergleichbaren Organisationen in vergleichbaren Situationen passiert. Ich weiß nicht, ob die Kirche geschont wird, weil die Sache wirklich anders gelagert ist als sonst, oder weil es Tabus oder auch formale Grundlagen gibt, die dies erschweren oder faktisch verunmöglichen.
Vielleicht aber intervenieren wir bei institutionellem Missbrauch generell nicht so konsequent, wie unsere eigenen Normen es eigentlich vorsehen, auch in der Wissenschaft, auch in der Medizin, auch beim Militär, keine Ahnung, wie die Liste sich zusammensetzte. Und der Fall der Kirchen zeigt uns das nur deshalb so deutlich, weil er groß genug ist, um nicht wegzuschauen, und auch, weil der Prozess eben tatsächlich öffentlich stattfindet. Entbindet gesellschaftlicher Dienst, etwa in Caritas und Diakonie, eine Institution von normativer Konsequenz? Und falls ja: ab welcher Größe, ab welchem Nutzen, ab welcher Unersetzlichkeit müsste dies auch für andere Organisationen gelten?

Aufarbeitung, die bei der Dokumentation endet und die Machtfrage und Möglichkeiten von gesellschaftlicher Transformation nicht stellt, bleibt unfertig. Die vorgestellte Studie ist eben nicht nur ein Auftrag an die katholische Kirche. Schweige- und Vertuschungsspiralen reichen natürlich bis an meine Haustür.
Und das löst einen weiteren Zweifel aus: Kann ich eigentlich darauf vertrauen, dass die Normenlogik verbindlich ist — nicht nur als Versprechen, sondern als Praxis? Oder schauen wir am Ende auf Strukturen, deren Normen nie wirklich Verbindlichkeit hatten? Und da sind wir mitten drin, in der Krise unserer Ordnung und Verfasstheit.

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