
Eine schnelle Feldübung, um den Arbeitsmarkt zu sehen, der oft abstrakt bleibt.
In meinen Präsenz-Workshops bitte ich die Teilnehmenden gern um einen Stadtspaziergang, bevor wir über Strategien sprechen. Weil Luft und Bewegung dem Denken helfen, und vor allem: weil der Arbeitsmarkt ein Feld ist und kein Katalog. Die Aufgabe ist, in einem oft vertrauten Bereich wie der Fußgängerzone den Blick nach oben zu richten. Welche Organisationen sind in den oberen Etagen?
Schritt eins: der Blick nach oben
Auf Augenhöhe lesen wir den sichtbaren Markt: Schaufenster, Gastronomie, Filialen — alles, was Laufkundschaft braucht und deshalb sichtbar sein muss. Der andere Markt sitzt eine Etage höher: Agenturen, Planungsbüros, Redaktionen, Verlage, Lerninstitute, Verbände, kleine IT-Firmen, Beratungen, Detekteien, das eine oder andere Start-up. Wer dort arbeitet, braucht keine Passanten; also hängt das Schild klein am Nebeneingang.
Für viele von uns — Geistes-, Kultur-, Sozialwissenschaftler:innen — liegt genau dort die Arbeit. Man muss den Kopf heben, um sie zu sehen. Eine belebte Straße entlanggehen, nach oben schauen, aufschreiben, wer da sitzt: Das ist der erste Schritt, um konkret zu werden.
Schritt zwei: zurück am Schreibtisch die Strukturen klären
Die Namen von der Häuserfront sind der Anfang. Der zweite Schritt erfolgt im Internet. Zu jedem interessanten Schild ein paar Fragen: Wie groß ist der Betrieb — drei Leute oder dreißig? Wie setzt sich das Team zusammen, wie groß ist der Anteil der Akademiker:innen, welche Fächer, welche Wege führten dorthin? In welcher Form wird hier gearbeitet? Nur Festanstellung — oder auch Freie, Projektverträge, Partnerschaften, Volontariate, Werkverträge?
Das lässt sich erstaunlich weit von außen klären: die Website der Organisation, die Mitarbeitenden-Liste auf „Über uns“, „Team“ oder LinkedIn, das Impressum, ein Blick ins Handelsregister, die Stellenausschreibungen der letzten Jahre. Oft zeigt sich dann ein Muster, das die Stellenportale nie abbilden: Die Arbeit ist da — aber nicht unbedingt als klassische „Stelle“. Gerade in den oberen Etagen läuft vieles über Projekte, über Freelance, über Partnerschaft. Bundesweit sind nur wenige Prozent der Erwerbstätigen solo-selbstständig — aber in unseren Feldern sind die Freiberuflichkeit und Projektarbeit Normvarianten. Wer nur nach unbefristeten Vollzeitstellen sucht, übersieht die Hälfte der Wege hinein.
Was man sofort tun kann
Nichts davon verlangt einen Plan, eine Bewerbung oder den Mut zum Fremdkontakt. Es braucht nur etwas Bewegung: ins Feld gehen, nach oben schauen, notieren — und dann online einen Überblick verschaffen und realistisch einschätzen, was es gibt und in welcher Form.
Was man davon hat
Das Abstrakte wird konkret. „Der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler:innen“ ist eine Nebelwand; „siebzehn Büros in der Fußgängerzone, davon fünf, die zu mir passen könnten, drei davon mit Projektarbeit“ ist eine Landkarte. Vielleicht sind keine Traumjobs dabei — aber man sieht, was real ist, und kann sich darauf einstellen, statt gegen ein Bild zu kämpfen.
Und weil die Methode nichts kostet, lässt sie sich wiederholen: derselbe Gang in einer anderen Stadt, und mit einem Mal sieht man, was regional verschieden ist und was überall gleich. Aus zwei Spaziergängen wird ein Vergleich, aus dreien allmählich ein Gefühl für Strukturen.
Der eigentliche Trick ist unspektakulär: Es ist dieselbe Bewegung, nach oben zu schauen und hinter eine Stellenanzeige zu schauen. Beides heißt, das Offensichtliche nicht für das Ganze zu halten. Das haben wir im Studium gelernt; es ist Quellenkritik, nur angewandt auf eine Häuserfront.
Zum Weiterschauen
- Jobsuche der Bundesagentur für Arbeit — was tatsächlich ausgeschrieben wird: die sichtbare Hälfte des Marktes.
- Arbeitsmarktmonitor der BA — regionale Strukturen: Branchen, Berufe und Demografie nach Kreis.
- Destatis – Erwerbstätigkeit — Zahlen zu den verschiedenen Formen der Erwerbstätigkeit.
- Destatis – Solo-Selbstständige — wie viele Menschen ohne klassische Stelle arbeiten.
