Ein realistischer Weg für Geisteswissenschaftler:innen zwischen Forschung, Politik und Öffentlichkeit

Viele Geisteswissenschaftler:innen verfolgen politische Debatten, lesen Policy-Papers, hören Politik-Podcasts oder schreiben selbst analytische Texte – und fragen sich irgendwann: Könnte ich das, was diese Leute machen, eigentlich auch beruflich tun?

Die Antwort lautet oft: Ja, z.B. in Think Tanks.

Think Tanks sind für viele ein diffuser Begriff. Man weiß, dass es sie gibt, es klingt gut mit dem „Think“ – aber wir wissen oft nicht, wie sie funktionieren, welche Jobs es dort gibt und ob Geisteswissenschaftler:innen dort überhaupt eine realistische Chance haben.

Dieser Artikel beantwortet einige dieser Fragen.

Was sind Think Tanks – und was nicht?

Think Tanks sind außeruniversitäre Forschungs- und Politikberatungseinrichtungen. Sie arbeiten an gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Fragestellungen und entwickeln daraus Analyse, Einordnung und Handlungsempfehlungen.

Sie verstehen sich als Schnittstelle zwischen:

  • Wissenschaft
  • Politik und Verwaltung
  • Wirtschaft
  • Medien
  • Zivilgesellschaft

Ihr zentrales Produkt ist nicht „reine Forschung“, sondern anwendbares Wissen: Policy-Papers, Studien, Kurzanalysen, Briefings, Hintergrundgespräche, Workshops, Konferenzen und öffentliche Debattenformate.

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Think Tanks sind keine Universitäten: Sie vergeben keine Abschlüsse und arbeiten nicht primär für Publikationslisten.
  • Sie sind keine klassischen Beratungen: Ihr Kapital ist Expertise, nicht Effizienzberatung.
  • Sie sind oft gemeinnützig, oft stiftungs- oder öffentlich finanziert, und arbeiten thematisch langfristig.

Warum Geisteswissenschaftler:innen dort gut passen

Think Tanks brauchen Menschen, die:

  • komplexe Informationen einordnen und strukturieren können
  • Texte präzise, verständlich und adressatengerecht schreiben
  • Diskurse historisch, normativ und politisch reflektieren
  • zwischen unterschiedlichen Logiken vermitteln (Wissenschaft, Politik, Öffentlichkeit)

Genau hier liegen klassische geisteswissenschaftliche Kompetenzen:

  • Analysefähigkeit
  • Argumentationsstärke
  • Text- und Sprachkompetenz (oft Deutsch und Englisch)
  • Verständnis für kulturelle, historische und normative Kontexte

Entsprechend arbeiten bereits viele Geisteswissenschaftler:innen – Historiker:innen, Philosoph:innen, Kultur-, Sprach- oder Literaturwissenschaftler:innen – in Think Tanks, häufig in Schnittstellenrollen zwischen Forschung, Programmarbeit und Kommunikation.


Typische Rollen und Stellenprofile

Die meisten Think Tanks unterscheiden grob zwischen Policy/Forschung, Programmen, Kommunikation und Supportfunktionen.

1. Research / Policy

Einstieg:

  • Research Assistant
  • Research / Policy Analyst
  • Junior Fellow

Aufgaben: Recherche und Literaturarbeit, qualitative Analysen, Mitarbeit an Studien und Policy-Briefs, Zuarbeit für Senior Researchers.

Erfahrene Rollen:

  • Fellow / Senior Fellow
  • Program Director

Hier geht es um eigene Themenverantwortung, Projektakquise, Außenvertretung sowie Team- und Programmentwicklung.

2. Programme & Projektmanagement

Typische Rollen:

  • Programm- oder Projektkoordinator:in
  • Program Associate

Aufgaben: Planung und Umsetzung von Studien, Dialogformaten und Konferenzen, Stakeholder- und Kooperationsmanagement, Budgetkontrolle, internationale Zusammenarbeit.

Diese Rollen sind für Geisteswissenschaftler:innen mit Organisations- und Kommunikationsstärke besonders anschlussfähig.

3. Kommunikation & Outreach

Rollen:

  • Communications Officer
  • Public Affairs
  • Event- und Dialogformate
  • Social Media / Redaktion

Hier werden Inhalte übersetzt – für Medien, für politische Zielgruppen, für Öffentlichkeit und Fachcommunity.

Viele steigen über Kommunikation ein und entwickeln sich später Richtung Policy-Arbeit.

4. Verwaltung & Fundraising

Wichtige, oft unterschätzte Bereiche: Drittmittelakquise, Projektadministration, HR, Controlling, Development.

Wer aus der Universität Antragserfahrung, Projektlogik und Fördermittelsysteme kennt, bringt hier hoch relevante Kompetenzen mit.


Wie kommt man konkret hinein?

Der Weg in Think Tanks ist selten linear. Es gibt aber bewährte Einstiegsstrategien: Während des Studiums Praktika bei Think Tanks, Stiftungen, politiknahen NGOs – häufig explizit offen für Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie bieten Einblick in Programmarbeit, Recherche und Veranstaltungsorganisation. Nach dem Master oder der Promotion Stellen wie „Research Assistant“, „Policy Analyst“, „Program Associate“ – mit Betonung von Analyse-, Schreib- und Projektkompetenzen. Befristete Verträge sind üblich, aber mit hoher Anschlussfähigkeit.

Viele Karrieren verlaufen zyklisch: Think Tank → Ministerium → internationale Organisation → Think Tank → Wissenschaft.


Wenn kein Praktikum möglich ist: Was hilft, das Profil zu schärfen?

  • Policy-Nähe entwickeln: Mitarbeit in NGOs, Hochschulpolitik, Stiftungsprojekten
  • Öffentlich sichtbar werden: kurze Texte, Blogs, Kommentare, Panels, Podcasts
  • Pragmatische Skills aufbauen: Projektmanagement, Grundkenntnisse Datenanalyse, Medienkompetenz
  • Themenprofil statt Allrounder-Versprechen: Think Tanks suchen Stimmen, nicht nur Abschlüsse

Beispiele relevanter Think Tanks

Deutschland & Europa:

Einstiegsmöglichkeiten finden sich meist unter „Jobs“ oder „Karriere“ – oft auch Praktika und Junior-Positionen.


Gibt es einen Dachverband?

In unserem Dokument „Optimistisch und orientiert“ gehen wir die Stellensuche ja oft über Dachverbände an. So hatten wir auch hier die Frage: Gibt es einen Think-Tank-Dachverband? Nein, leider nicht. Aber wichtige Orientierungs- und Netzwerkpunkte sind:

Deutschland ist stark dezentral organisiert – mit geschätzt 80–130 Think Tanks unterschiedlicher Größe und Ausrichtung.

Für internationale Perspektiven lohnt auch der Blick auf: University of Pennsylvania’s Think Tank Index


Zum Schluss

Think Tanks sind kein „akademischer Ersatz“, aber ein ernstzunehmender Arbeitsort für geisteswissenschaftliche Expertise. Wer gern analysiert, schreibt, einordnet und gesellschaftliche Debatten mitgestaltet, findet hier reale Gestaltungsspielräume – jenseits klassischer Universitätskarrieren.

Nicht jede Stelle ist glamourös, nicht jede Vertragslage komfortabel. Aber: Geisteswissenschaftliches Denken ist hier kein Defizit, sondern Kernkompetenz.


Weiterführende Ressourcen:

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